25.6.06

Summertimeout

Auch wenn es mitten in der Weltmeisterschaft ist und es nicht nur dazu viel zu sagen und zu schreiben gäbe, tut ein Urlaub hoffentlich ganz gut. Selbst wenn es einer im Inland ist und sich daher zumindest keine räumliche Distanz zu all dem Aufgedrehten, bisweilen Hysterischen herstellen lässt, dem man derzeit allenthalben ausgesetzt ist; eine Distanz, die gleichwohl eigentlich nötig wäre. Gleichwie: Bis zum 12. Juli hat Lizas Welt Pause.

In der Zwischenzeit sei – wie das wohl so üblich ist – ein Blick auf die Linkliste oder auch Blogroll empfohlen. Zum Thema WM (aber nicht nur dazu) etwa lohnt ein Klick beispielsweise hierhin, dahin, dorthin, auf den oder auch hierauf; wer auch noch andere Themen kennt, ist neben anderen mit dieser, jener, der hier, dieserwelcher, jenerwelcher auch und darüber hinaus der da prima bedient. Nicht zu vergessen sind Mausbewegungen nach da und nach dort. Und natürlich hierhin. Bis bald!

Mir lejbn ejbig

Am 20. September des vergangenen Jahres starb in Wien, 96-jährig, Simon Wiesenthal. Durch seine mehr als 50 Jahre währende, nimmermüde Arbeit kamen über 1.100 Nazi-Kriegsverbrecher vor Gericht. „Ich möchte, dass die Menschen wissen, dass die Nazis nach der Ermordung von Millionen Menschen nicht einfach so davonkommen können“, sagte Wiesenthal einmal, der zurzeit des Nationalsozialismus 89 Angehörige verlor. Sein Lebenswerk begann er nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Mauthausen im Mai 1945 durch die USA. Zuvor hatte er weitere vier Vernichtungslager überlebt; als die Alliierten den deutschen Wahn beendeten, wog Wiesenthal nur noch 45 Kilogramm. Er habe schnell begriffen, „dass es keine Freiheit ohne Gerechtigkeit geben“ könne, und sich daher entschlossen, „ein paar Jahre lang“ Gerechtigkeit zu suchen. „Es wurden Jahrzehnte“, resümierte er – nicht zuletzt deshalb, weil die juristischen Instanzen im Nachkriegsdeutschland oft genug von alten Nazis durchsetzt waren, die keinen besonderen Elan bei der Verfolgung ihrer alten Kameraden an den Tag legten, um es zurückhaltend zu formulieren.

Am vergangenen Freitag nun wurde in Herzliya der Grabstein enthüllt, den Simon Wiesenthal mit seiner 2003 verstorbenen Frau Cyla teilt. Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert würdigte Wiesenthal dabei als einen „geliebten Mann, der sein Leben vom ersten Tag seiner Befreiung aus den Todeslagern an der Erfassung derjenigen widmete, die die schlimmsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit begangen hatten. Er verdient ewigen Ruhm“. Olmert ergänzte: „Dem Ansatz treu, dass ein Rachefeldzug nicht die Art und Weise ist, Gerechtigkeit auszuüben, brachte Wiesenthal die Nazi-Verbrecher vor autorisierte Gerichte. Sein Vermächtnis wird immer den Staat Israel begleiten.“

Rabbi Marvin Hier, Gründer und Vorsitzender des Simon Wiesenthal Center in Los Angeles, erzählte in seiner Rede im Rahmen der Zeremonie eine Geschichte, die Wiesenthal vielleicht besser charakterisiert als ganze Bücher. Es waren die Schlussworte einer bemerkenswerten Eloge:
„Eines Tages rief Simon an und sagte, er würde seinen 90. Geburtstag gerne mit ein paar Freunden in Wien feiern. Das war zu der Zeit, als er nicht mehr reisen konnte und seine Frau bettlägerig war. Ich fragte ihn, wo er gerne feiern wolle. Er sagte: ‚Ich habe einen unerfüllten Wunsch: eine Party im Imperial Hotel zu feiern.’ Bevor ich die Gelegenheit hatte, zu fragen, warum er gerade das ‚Imperial’ ausgesucht habe, erzählte er mir, dass es sich um Hitlers Lieblingshotel handle und dass sowohl Hitler als auch Himmler dort ständige Suiten gehabt hätten. Sie bauten riesige Bunker nahe beim Hotel, die immer noch existieren, weil Hitler dachte, dass sie die idealen Hauptquartiere sein würden, von denen aus er den Zweiten Weltkrieg führen könne. Während des Dritten Reiches sei es undenkbar für Juden gewesen, im Imperial Hotel zu verkehren, sagte Simon. Und ich möchte sicherstellen, sagte er, dass alle Tabus des Dritten Reiches gebrochen werden und dass es amtlich wird, dass Simon Wiesenthal seinen 90. Geburtstag dort mit einem kosheren Mahl feierte. Am Abend des Dinners, als die Band ein beliebtes jiddisches Lied spielte, ‚Belz, Mein Shtetele Belz’, schaute er zur Decke auf, wandte sich zu mir und sagte: ‚Du siehst sogar die Kronleuchter erzittern, weil dies das erste Mal überhaupt ist, dass sie solche Musik hören. Lass es amtlich werden’, sagte er, ‚dass Hitler nicht mehr hier ist, aber dass sogar im Imperial Hotel Juden immer noch leben und immer noch singen.
Wer Wiesenthals Vermächtnis fortsetzen und die vorzügliche und unverzichtbare Arbeit des Simon Wiesenthal Centers unterstützen möchte, kann dies hier tun.

Übersetzung: Liza; Hattips: Hardy & Franklin D. Rosenfeld

23.6.06

Die Wahrheit is auffem Platz

Es ist ja gar nicht so, dass diese Weltmeisterschaft keinen Spaß machen würde, auch wenn der Genuss durch den schwarz-rot-goldenen Taumel inklusive Volltrottelkostümen etwas getrübt wird. Wenn man etwa das zweifelhafte Vergnügen hat, mit einem Trikot Englands oder der Niederlande in ein deutsches Autokorso zu geraten, weicht der ach so fröhliche Siegesrausch der Fahrzeugbesatzungen schnell mal hasserfüllten Attacken. Das Trikot der israelischen Mannschaft lässt man besser ganz im Schrank, denn „Die spielen doch gar nicht mit!“ wäre gewiss noch der harmloseste Kommentar, den man zu hören bekäme.

Aber ein bisschen wird man dann doch entschädigt etwa durch die vor allem im zweiten Spiel gegen Serbien-Montenegro brillanten Argentinier, durch das in einer mordsschweren Gruppe leider viel zu früh ausgeschiedene Team der Elfenbeinküste, durch eine starke spanische Auswahl oder durch Ghana, das sich sein glänzendes Spiel gegen Tschechien mit dem 2:1 gegen die USA veredelte und in der Weltrangliste ganz oben angesiedelte Mannschaften wie eben die Tschechen und die US-Boys hinter sich ließ. Auch auf Australien sollte man mindestens ein Foster’s trinken.

Und dann gibt es immer wieder die kleinen Freuden des Lebens, die sich beispielsweise dann auftun, wenn besonders penetrante Fernsehschaffende mal indirekt für ihre Impertinenzen abgestraft werden. Was war das für eine Freude, als der offensiv proiranische Pierre Littbarski in seiner Eigenschaft als Obernervensäge bei RTL mit ansehen musste, wie die Mexikaner kurz aufdrehten und das vorausgesagte iranische Wunder von Bern verhinderten. Seit gestern Abend hat zudem hoffentlich auch das Ronaldo-Bashing – das insbesondere ARD-Kommentator Reinhold Beckmann mit Verve betrieb und das seine Motivation wohl vor allem aus der Wut über die beiden Treffer des Brasilianers gegen die Deutschen im letzten WM-Finale bezog – sein Ende erfahren. Es ist schon bemerkenswert, wie nassforsch da favorisierte Teams – neben Brasilien vor allem England und die Niederlande – samt ihrer Spieler öffentlich-rechtlich klein geredet und im Gegenzug die deutschen Elitekicker zum Nonplusultra aufgeblasen werden. Die Welt als Wille und Vorstellung. Doch die Wahrheit ist wie stets auffem Platz. Und da bleibt sie auch.

A propos Wahrheit. Der Auftritt des Iran hatte – abgesehen davon, dass er erfreulich frühzeitig beendet ist – zumindest ein Gutes: Jetzt wissen wir ganz sicher, dass Ali Daei nicht Günter Wallraff ist. So klar war das nicht immer. Zu Zeiten des Schriftstellers als „Ali Levent“ bei Thyssen und des Fußballers als mäßig erfolgreiches Kopfballungeheuer bei Bayern München sah die Sache nämlich anders aus. Der Altersunterschied? Na gut. Das weiß man heute, wo beide sozusagen vor dem Karriereende stehen. Aber doch nicht als Heranwachsender, der sich fragt, warum der, den man gerade noch in einem Politbuch leiden sehen hat, plötzlich putzmunter auf dem Platz herumspringt.


Update: Trotz der schönen Ronaldo-Tore gab es gestern Abend wieder reichlich Grund, ernsthaft ein Premiere-Abonnement in Erwägung zu ziehen. Warum und wieso, erläutert einer, dem mit vollem Recht der Kragen geplatzt ist, und zwar so laut, dass es hoffentlich auch die Verantwortlichen des Senders gehört haben, mit dem man nicht nur nicht besser, sondern bisweilen gar nichts mehr sieht. Und falls der Knall doch auf taube Ohren gestoßen sein sollte: Es gibt ihn auch als Zuschrift an das Zweite Deutsche Fernsehen. Lizas Welt dokumentiert das Schreiben.
ZDF-WM-Berichterstattung

Sehr geehrte Damen und Herren,

früher gab es bei den großen Fußballturnieren Konferenzschaltungen bei den letzten, zeitgleich ausgetragenen Gruppenspielen. Dabei haben die Redakteure meist mit großer Sicherheit immer die Tore im jeweils anderen Stadion verpasst. Auf solch sinnloses Hin und Her hat man beim Finale der Brasilien-Gruppe am Donnerstagabend verzichtet, allerdings auch darauf, dem bisher verrücktesten Gruppenfinale überhaupt ausreichend Raum zu bieten. Ich hatte die ZDF-Entscheidung, das Spiel Japan gegen Brasilien zu zeigen, nur vor dem Hintergrund der dann ja auch tatsächlich gebotenen Qualität des Spiels verstehen können, von der Spannung her wäre aber von vorneherein Kroatien gegen Australien das Spiel wohl nicht nur meiner Wahl gewesen.

Ein Freund aus Irland berichtete mir, dass man dort ebenfalls zunächst das Spiel Japans gegen Brasilien gezeigt habe, dann aber nach einer Stunde nach Stuttgart zum Spiel der Australier gegen Kroatien umgeschaltet habe. Eine weise Entscheidung im Sinne aller Fußballfans! Das ZDF dagegen blieb bis zum Schluss beim lockeren Auslaufen der Brasilianer und Japaner dabei, um auch anschließend eine ernsthafte Berichterstattung über das zweite Gruppenspiel weitgehend zu unterlassen. Der Extrem-kurz-Bericht von Wolf-Dieter Poschmann, der den Zuschauern nach viel Blabla in der „ZDF-WM-Arena“ hingeschoben wurde, hatte dann auch kaum einen tiefergehenden Wert. Die dramatische Kuriosität des Ablaufes wurde fast überhaupt nicht thematisiert: Das abwechselnde Anrennen beider Teams, die Chancen, nicht gegebenen Elfmeter sowie die grotesken Entscheidungen des Schiedsrichters, z.B. der Abpfiff kurz bevor die Aussies das 3:2 erzielten. Über die dreifache Gelbe Karte für Simunic wurde erst viel später in der Sendung, unabhängig vom Poschmann-Beitrag zum Spiel, berichtet – nachdem man wieder diverse „Stimmungsberichte“ aus irgendwelchen Eckkneipen sowie „dem deutschen Lager“ gesendet hatte. Statt die Aufregung auf dem Fußballplatz in Stuttgart zu zeigen, schaltete man immer wieder zu Reportern in diversen Städten, die verzweifelt gegen das Gebrüll begeisterter Fans anschrieen, die vermutlich das Glück gehabt hatten, das Spiel Australien gegen Kroatien tatsächlich zu sehen.

Diese WM-Berichterstattung ist nicht nur furchtbar für jeden Fußballanhänger, sondern geradezu ein Skandal!

Mit freundlichen Grüßen
Roelf Bleeker-Dohmen

22.6.06

Human Shields

Woran denken Sie, wenn Sie die Parole „Not welcome, Mr. President!“ hören oder lesen? Vielleicht an die drei Kundgebungen in Nürnberg, Frankfurt und gestern in Leipzig gegen einen – inzwischen obsoleten – Besuch des Irren von Teheran während der Weltmeisterschaft? Brav! Würde ja auch passen, vor allem, wenn diejenigen, die Mahmud Ahmadinedjads Einreise verhindern könnten, dazu weder willens noch in der Lage sind. Aber Sie liegen falsch. Denn bei dem, der ausweislich der genannten Losung not welcome“ geheißen werden soll, handelt es sich um einen entschiedenen Gegner des iranischen Holocaustleugners. Und der reist völlig unabhängig vom Abschneiden der Fußballmannschaft seines Landes Mitte Juli nach Deutschland. Das wiederum treibt die üblichen Verdächtigen auf die Straße – die nämlich, die den Protest gegen ein antisemitisches Regime, das Israel mit der Vernichtung durch Atomwaffen droht, für „Kriegspropaganda“ halten und daher zum Marsch gegen denjenigen rüsten, der ihrer unbeirrbaren Überzeugung nach „keinen Zweifel daran“ lasse, „den Iran militärisch angreifen zu wollen“:
„Wir empfangen US-Präsident Bush bei seinem Besuch am 14. Juli 2006 in Stralsund mit gebührend breitem Protest. Seine arrogante Machtpolitik wird mittlerweile von einem Großteil der Gesellschaft in den USA abgelehnt. Auch hier muss ihm deutlich gemacht werden, dass er nicht willkommen ist. [...] Die US-Regierung braucht die europäischen Staaten als enge Verbündete für ihre ‚Koalition der Willigen’, um weitere ‚Kriege gegen den Terror’ führen zu können. Aber die Kriege der USA sind selbst Terror und Quelle immer neuer Gewalt.“
Was macht man mit Menschen, die dermaßen den Verstand verloren haben, vorausgesetzt, sie besaßen je einen? Man könnte sie mit Jeff Gedmin kurz ernst nehmen und an ihr eigenes Label erinnern:
„Die Friedensbewegung war schon immer gegen Nuklearwaffen. Der Iran baut die Bombe. Die Friedensbewegung vergöttert die Vereinten Nationen und das Völkerrecht. Teheran sträubt sich gegen die Auflagen der Internationalen Atomenergiebehörde. Die Friedensbewegung verurteilt das ‚Wettrüsten’. Wenn der Iran eine Bombe hat, werden auch die Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten aktiv. Die Friedensbewegung schätzt Menschenrechte. Die Mullahs lassen Frauen steinigen. Die Friedensbewegung ist modern, multikulturell und weltlich. Präsident Ahmadinedjad glaubt an den 12. Imam und sehnt einen Kampf der Kulturen herbei. Die Friedensbewegung will Frieden. Der iranische Präsident will einen Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen von der Landkarte tilgen.“
Der Verweis auf den Etikettenschwindel wird erfahrungsgemäß aber wenig fruchten. Die x-te Wiederauferstehung der Friedensgrufties ist vielmehr ein „heuchlerisches Affentheater“, wie Gedmin zu Recht feststellt, der darüber hinaus die Doppelmoral jener Friedensfreunde skizziert, die einmal mehr die USA, ihren Präsidenten und deren – vermeintliche oder tatsächliche – Verbündete ins Visier nehmen, zum eliminatorischen Antisemitismus Ahmadinedjads und zu dessen brutalen und repressiven Maßnahmen der iranischen Bevölkerung gegenüber aber genauso schweigen wie zuvor bereits im Falle des Saddam-Regimes. Allerdings setzt eine Doppelmoral voraus, dass überhaupt so etwas wie eine Moral bei Leuten existiert, die ihren ressentimentgeladenen Antiamerikanismus immer weniger mit vermeintlich hehren Motiven zu bemänteln suchen. Einige wirklich bizarre Ausschnitte aus Stellungnahmen der Friedensbewegung mögen noch einmal deren regressive Sehnsüchte bebildern:
  • Auf der Internetseite der AG Friedensforschung der Uni Kassel macht sich Professor Georg Meggle aus Leipzig „Gedanken zum Iran-Krieg“: „Iran braucht, des Schutzes seiner eigenen Interessen wegen, die Bombe. Der Iran wäre dumm, wenn er diese Schlussfolgerung nicht zöge.“ Im Gegensatz zu Meggle. Der hat sie schon gezogen und ist daher ein besonders schönes Beispiel dafür, dass hinter einem solchen Ruf nach Frieden sich die Mörder und ihre Sympathisanten verschanzen.
  • Beim Netzwerk Friedenskooperative hat man Angst davor, im Iran könne eine „pro-westliche Regierung“ zur Macht gelangen; außerdem versucht man sich in einem „Offenen Brief“ an Angela Merkel an dem Kniff, George W. Bush eine Gefährdung Israels vorzuwerfen, dessen „legitime Sicherheitsinteressen“ man generös zu respektieren vorgibt. Was da jedoch „legitim“ ist, weiß das ZK der altgedienten Freunde des nationalen Befreiungskampfes ganz genau und vor allem besser als die Betroffenen selbst: beispielsweise, „eine Atomwaffenfreie Zone unter Beteiligung Israels zu errichten“. Dafür würde man wahrscheinlich glatt noch mal selbst die morschen Knochen gen Nahost mobilisieren. Als Human Shield sozusagen.
  • Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) werben für das „völkerrechtlich verbriefte Recht des Iran auf Urananreicherung“ – was selbstverständlich keinen Widerspruch zur kämpferischen Forderung „US-Atomwaffen raus aus Europa“ markiert, sondern sich gegenseitig bedingt. Dazu passend gibt’s wie gewohnt den wohligen Schauer des Zahlenhorrors: Bei einem „Atomangriff auf den Iran“ würden angeblich innerhalb von 48 Stunden über zwei Millionen Menschen sterben, eine Million schwer verletzt und über zehn Millionen verstrahlt. Ähnliche Katastrophenszenarien wurden auch schon vor dem Irak-Krieg publiziert, und den Verdacht, dass es sich bei solchen Expertisen mehr um einen Wunsch denn um eine Warnung handelt, wird man irgendwie nicht los.
  • Ganz großes Kino auch in der Neuen Rheinischen Zeitung bei Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann, die in ihrem Beitrag zum Bashing derjenigen antreten, die den Iran daran hindern wollen, Israel zu vernichten. „Versetzen wir uns einen Moment in die Kriegsstrategen des US-Imperiums. Wie würdet Ihr vorgehen?“, fragen die beiden Kämpen des deutschen Antiimperialismus und versuchen anschließend, die allenthalben ausgemachte Nazi-Keule selbst in die Hand zu bekommen: „Da ihr aber auch die Köpfe der Linken, der Friedensbewegung und antifaschistischer Organisationen und Initiativen in Besitz nehmen wollt, würdet ihr Euch die Nazi-Szene zunutze machen. Dabei würden Euch die in Nazi-Organisationen eingeschleusten V-Leute behilflich sein. Über Personen wie Horst Mahler oder Nazi-Organisationen wie die so genannten ‚Freien Nationalisten Rhein/Main’, die den Aufmarsch für den 17. Juni in Frankfurt-Sachsenhausen planten, würdet ihr versuchen, durch deren Sympathie-Bekundungen für Mahmud Ahmadinedjad die iranische Führung zusätzlich zu diskreditieren.“ Fantasie kennt manchmal keine Grenzen, und der Übergang von ihr zum Wahnsinn ist fließend, wie man sieht. Immerhin handelt es sich um originellen Wahnsinn, denn auf diese Kausalkette muss man erst mal kommen.
Das kann also heiter werden, wenn George W. Bush im Juli ins sonst so beschauliche Stralsund fährt. Vermutlich geht es dort zu wie unlängst in Wien: Die obligatorische Mischung aus völkisch-folkloristischem Kulturenkarneval mit Debka-Tänzen (Foto Mitte) oder anderem autochthonem Unfug hier und morbiden Attacken gegen „den Oberterroristen Bush“ und die „Apartheidmauer in Israel“ dort. Denn was hätte man hierzulande Besseres zu erwarten von Menschen, die einem Aufruf folgen, der mit der alten nationalsozialistischen Parole „Kein Blut für Öl!“ schließt?

Diese, sagen wir, Rohstofffixiertheit der friedensbewegten Menschen ist schon ausführlich und prägnant kritisiert worden – und wie man diesen ja durchaus ernsten Themenkomplex sonst noch pointiert angehen kann, demonstrierten die Blogger Haiko Hörnig und Gideon Böss am vergangenen Samstag bei der Kundgebung vor dem Spiel des Iran gegen Portugal in Frankfurt: „Dieses T-Shirt muss Grundlage der EU-Verhandlungsstrategie werden!“, bewarben sie ihr Kleidungsstück, das die Aufschrift „Finger weg vom israelischen Öl, Ahmadineschad!“ trug (Foto). Im Grunde genommen wäre es den Versuch wert, die Reaktionen auf dieses Oberteil bei einer Anti-Bush-Demonstration zu protokollieren. Denn das Vergnügen ist gewiss, auf spontane Unmutsbezeigungen à la „Aber in Israel gibt es doch gar kein Öl!“ nur ein knackiges „Eben!“ entgegnen zu müssen, um die antisemitische Motivation des Iran und seines Präsidenten zu verdeutlichen. Doch vielleicht ist das auch zu hoch für die simplen Adepten der Regression.

Hattips: Doro, Mona Rieboldt, Spirit of Entebbe & Franklin D. Rosenfeld

20.6.06

Business as usual

Die Geste erregte Aufsehen, und zwar über den Fußballplatz hinaus: John Paintsil (Foto), Spieler bei Hapoel Tel Aviv und im ghanaischen Nationalteam, zog nach dem entscheidenden Tor* der Black Stars gegen Tschechien in der 82. Spielminute eine israelische Fahne aus seinem Strumpf und hielt sie mit den Händen in die Luft. Die Szene ging um die Welt, weil Kameras sie einfingen. „Ich liebe die Fans aus Israel, deshalb entschied ich mich für die Aktion“, begründete der Verteidiger sein bemerkenswertes Handeln. Paintsil spielt seit Januar 2005 bei Hapoel; zuvor war er zwei Jahre beim Stadtrivalen Maccabi aktiv. In Israel fühle er sich sehr wohl, sagte der 25jährige; die israelischen Fans machten ihn „immer glücklich“, weshalb er nun „etwas zurückgeben wollte“. Da zeigte also jemand Flagge, und dafür erhielt er zunächst ähnlich viel Applaus wie zuvor für sein grandioses Spiel beim 2:0 gegen die Tschechen. „Wir haben einen Israeli bei der WM. Paintsils Geste wärmte unsere Herzen. Viele Israelis sind nun Ghana-Fans“, freute sich etwa der israelische Sportminister Ofir Pines-Pas. Und auch der Klub des Ghanaers war „stolz auf seinen Spieler“; er habe durch seine Aktion „seine Beziehung zu Israel und Hapoel Tel Aviv“ ausgedrückt.

Weniger begeistert zeigte sich allerdings der Präsident des ghanaischen Fußballverbandes, Kwesi Nyantakyi: „In den arabischen Staaten hat das den Leuten nicht gefallen. Ich bin nicht überzeugt, dass es den Deutschen und der FIFA gefallen hat.“ Nun, was die FIFA betrifft – die ihre angebliche politische Neutralität für gewöhnlich immer dann aufgibt, wenn es um Israel geht –, kam Überraschendes: Ihr Sprecher Markus Siegler bedeutete, dass der Weltfußballverband keine Probleme mit der Aktion habe. In Bezug auf die Deutschen dürfte Nyantakyi jedoch Recht haben, wenn man bedenkt, dass zwei Drittel der im WM-Taumel befindlichen Bundesbürger allen Ernstes der Ansicht sind, Israel führe einen „Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“. Von den Rängen des Kölner Stadions selbst war Paintsils Geste beim Torjubel nur schwer zu erkennen, weshalb es nicht überliefert ist, wie die zahllos vor Ort versammelten deutschen Ghana-Fans reagiert haben, als sie die Szene später im Fernsehen sahen.

Und was die arabischen Länder angeht: Auch dort wird die WM gezeigt, und so überraschend, wie Paintsil demonstrativ Flagge zeigte, dürfte es den meisten Sendeanstalten nicht mehr möglich gewesen sein, das Ganze einfach auszublenden. Kwesi Nyantakyi behauptete denn auch, bei ghanaischen Botschaften in arabischen Staaten seien mehrere Beschwerden eingegangen. Stinkig war man beispielsweise in Ägypten – darüber nämlich, um seine Unterstützung für die Westafrikaner betrogen worden zu sein: „Der ignorante und dumme Paintsil, der beim letzten African Nations Cup 20 Tage lang hier war, spielt für Hapoel“, schrieb der Sportjournalist Alaa Sadek in der Tageszeitung Al-Akhbar. „Die Ägypter unterstützten das ghanaische Team die ganze Zeit, bis zur 82. Minute, und bereuten es nach dem Schwenken der israelischen Fahne“, verkündete wiederum Al-Masry al-Yom. Andere Medien vermuteten, Paintsil sei „von Israelis bezahlt worden“ oder gar „ein Mossad-Agent“, und Hassan El-Mestekawi verstieg sich in Al-Ahram zu der Behauptung, israelische Trainer verpassten jungen ghanaischen Talenten eine Gehirnwäsche. Dem Fernsehkommentator erstarb der Torschrei auf den Lippen, als er plötzlich blau-weiß sah, während für viele ägyptische Fans Paintsil nun „The Israghani“ ist. Als Kompliment darf man das selbstverständlich nicht verstehen.

Der geballte Hass zeigte offenkundig Wirkung: Gestern folgte der Kniefall. „Er war sich offensichtlich der Folgen seines Tuns nicht bewusst. Wir entschuldigen uns bei jedem, der sich dadurch beleidigt gefühlt hat und versprechen, dass das nicht wieder vorkommt. Ich entschuldige mich an seiner Stelle und im Auftrag des Verbandes“, sagte der Sprecher des ghanaischen Fußballverbands, Randy Abbey. Paintsil habe nur die israelischen Fans grüßen wollen: „Er hat nicht in böser Absicht gegen arabische Menschen gehandelt oder um Israel zu unterstützen. Er war naiv. Er hat keine Ahnung von politischen Verwicklungen und bereut, was er getan hat.“ Was für ein Kotau – wohlgemerkt vom Verband, denn die Erklärung ist höchstwahrscheinlich entweder frei erfunden oder eine typische offizielle Version, der der Spieler zuzustimmen hatte, widrigenfalls er Nachteile in Kauf zu nehmen gehabt hätte. Man kann davon ausgehen, dass Paintsil vollkommen bewusst gehandelt und seine Geste vorbereitet hat; die Fahne war schließlich im Strumpf verstaut, wodurch wohl deutlich wird, dass sie auch zum Einsatz kommen sollte. Naiv oder ahnungslos war das gewiss nicht, sondern eben eine ausgesprochen sympathische Tat. Genauso sicher dürfte sein, dass Paintsil nicht vorhatte, irgendjemanden zu beleidigen – wenn man Verbandssprecher Abbey hört, könnte man glatt glauben, da habe jemand eine Hakenkreuzfahne gehisst. Doch so hat der Funktionär es wohl auch gemeint, selbst wenn er einschränkte: „Wir sind nicht für oder gegen Israel oder arabische Nationen. Wir sind hier wegen des Fußballs, nicht wegen der Politik.“

Es ist genau diese unpolitische und nur scheinbare Äquidistanz, die sonst auch die FIFA betreibt und die den Feinden Israels in die Karten spielt. Dass Ghanas Fußball-Offizielle sich von der außergewöhnlichen Geste eines ihrer Nationalspieler öffentlich distanzieren und ihn nun sogar in eine Therapie stecken wollen (!), wird man in der arabischen Welt gerne hören. Fragt sich bloß, wer hier nicht mehr alle Latten am Zaun hat.

* Und nicht, wie fälschlich berichtet, erst nach dem Spiel.
Übersetzung: Liza, Hattips: Doro, Frank Te & Hayo

18.6.06

Abgewinkt

Die „sportliche Lösung“, von der nicht nur Sozialdemokrat Wiefelspütz geträumt hatte, ist Realität geworden: Nach dem 0:2 gegen Portugal steht bereits vor dem letzten Gruppenspiel fest, dass die Mannschaft des Iran die Vorrunde der Fußball-WM nicht überstehen wird. Dadurch dürfte sich zweierlei erledigt haben: ein Besuch Mahmud Ahmadinedjads sowie – damit verbunden – die Beschäftigung der Bundesregierung mit dieser Causa. Nur sein diplomatischer Pass schütze den Holocaustleugner im Amt des iranischen Präsidenten vor einer Verhaftung, hatte der bayerische Innenminister Günther Beckstein im Rahmen einer Kundgebung vor dem ersten Match des Iran in Nürnberg behauptet. Er umschiffte dabei eine Stellungnahme gegen seinen Amtskollegen auf Bundesebene, Wolfgang Schäuble, der Ahmadinedjad ein „guter Gastgeber“ sein wollte – und es für dessen Stellvertreter Mohammed Aliabadi bei den bisherigen Partien des Iran auch war. Darüber hinaus ignorierte Beckstein die Möglichkeit eines Einreiseverbots in die EU, wie es beispielsweise gegen den weißrussischen Präsidenten Aliaksandr Lukashenko verhängt wurde.

Auch vor dem gestrigen Spiel des Iran gegen Portugal in Frankfurt gab es Proteste. Bereits am Freitag hatten knapp 150 Menschen bei einer Demonstration zur Solidarität mit Israel aufgerufen; am Samstag versammelten sich in der Mainstadt dann zwischen 500 und 1.500 Menschen (je nach Quelle) zu einer Kundgebung unter dem Motto „Keine Gastfreundschaft für Volksverhetzer!“ vor der Alten Oper. Dort nannte der Historiker und Auschwitz-Überlebende Arno Lustiger den iranischen Präsidenten das, was er ist: einen „pathologischen Judenhasser“, der „als zweiter Hitler in die Geschichte eingehen“ und Israel in einen „atomaren Holocaust stürzen“ wolle. Zudem kritisierte er Innenminister Wolfgang Schäuble für dessen „überflüssige, vorauseilende Ehrerbietung“, die eine Provokation aller jüdischen Menschen in Deutschland darstelle. Gemeinsam mit Michel Friedman forderte Lustiger erneut ein EU-weites Einreiseverbot für Ahmadinedjad.

Der Publizist Hannes Stein wiederum verlas einen mysteriösen Brief, den er „per verschleierter Eilbotin“ von dem Mullah-Vorturner erhalten hatte und der, ja doch, ganz und gar erstaunliche Botschaften enthielt, während Justus Wertmüller in seiner Rede für die Redaktion der Zeitschrift Bahamas begründete, warum schwarz-rot-goldene Fahnen (nicht nur, aber vor allem) auf Kundgebungen für Israel nichts zu suchen haben. Ein bemerkenswerter Beitrag, auch und gerade angesichts der derzeit ubiquitären Beflaggung des Landes; im Folgenden soll er dokumentiert werden.

Eine Kritik an deutschen Winkelementen auf proisraelischen Kundgebungen

Am 11. Juni haben einige Leute schwarz-rot-goldene Fahnen auf die Nürnberger Kundgebung gegen Ahmadinedjad mitgebracht. Das war unpassend, und ich fände es nützlich, hier in Frankfurt Kundgebungsteilnehmer mit deutschen Fahnen aufzufordern, sie bitteschön wieder einzupacken. Ich bin mir zwar fast sicher, dass solche Patrioten weit verbindlichere Freunde Israels sind als sogenannte Kritiker, die nur darauf gelauert haben, unsere Kundgebungen wegen zwei Fahnen und einem bayerischen Innenminister als nationalistisch, rassistisch und im Kern sogar antisemitisch zu verunglimpfen. Lassen Sie mich trotzdem meine Kritik an deutschen Winkelementen auf proisraelischen Kundgebungen begründen.

Jüdisch-amerikanische und israelische Organisationen verteilen gerne einen kleinen Sticker, auf dem die israelische und die amerikanische Fahne Seit’ an Seit’ im Wind flatternd dargestellt sind. Ich trage diesen Sticker ganz gerne, besonders in Kreuzberg, wo Deutschland am deutschesten ist. Einen ähnlichen Sticker vertreibt auch die Deutsch-Israelische Gesellschaft, nur dass hier die deutsche Fahne partnerschaftlich neben der israelischen weht. Den würde ich niemals tragen! Denn im einen Fall ist die auf dem Sticker symbolisierte amerikanisch-israelische Partnerschaft Realität, im anderen, die unterstellte deutsch-israelische kaum mehr als Wunschdenken.

Die USA und gerade ihre von Präsident Bush angeführte Regierung haben unter Beweis gestellt, dass sie die Freundschaft mit Israel ernst meinen. Regierungsvertreter der USA veranstalten zum Beispiel keine Propaganda gegen die Grenzbefestigungsanlagen, die Israel gegen den palästinensischen Terror gerade aufbaut. Wie anders in Deutschland: Manche von Ihnen erinnern sich vielleicht noch daran, welche Schelte vom Auswärtigen Amt, in dem damals Frank-Walter Steinmeier als Staatsekretär Dienst tat, der damalige Innenminister Schily über sich ergehen lassen musste, nur weil er während eines Israel-Besuchs Verständnis für die Selbstverteidigungsanlage geäußert hatte.

Amerikanische Offizielle haben bald nach 9/11 darauf hingewiesen, dass es sich bei den Terroranschlägen nicht nur um antiamerikanische, sondern eben auch antiisraelische Angriffe gehandelt habe. Präsident Bush, der sinngemäß gesagt hatte: „Die Terroristen wollen die Art, wie wir leben, vernichten“, war damit gar nicht so kleingeistig und selbstbezogen, wie ihm in Europa unterstellt wurde. Er hatte nämlich unter der „Art, wie wir leben“ auch die Art, wie Israelis leben, gefasst. Unmittelbar nach 9/11 kam es überall in den USA zu einer Welle der Empathie mit Israel, in den Medien, bei ganz normalen Bürgern und auch in der Politik. „Jetzt endlich können wir verstehen, was Ihr seit so vielen Jahren durchmachen müsst!“ So oder ähnlich äußerten sich viele Amerikaner unmittelbar nach 9/11 gegenüber Israelis. Vergleichbare Aussagen waren und sind vom offiziellen Deutschland – in Politik oder Medien – höchstens und vereinzelt in der Springerpresse, und auch vom kleinen deutschen Mann auf der Straße nur sehr ausnahmsweise zu hören gewesen.

Gerade in den Jahren seit 9/11 ist deutlich geworden, dass die Fahnen Israels und der USA nicht nur symbolisch nebeneinander wehen. Eine Begründung für den militärischen Sturz des Ba’th-Regimes war zum Beispiel der unbestreitbar wahre Hinweis darauf, dass Saddam sich die Vernichtung Israels zum Ziel gesetzt hat und systematisch palästinensische Terrororganisationen und Märtyrerfamilien mit Geld, Waffen, Know-How und Unterschlupfen ausgestattet hatte. Und, um auf den Atomkonflikt mit dem Iran zu kommen: Wer, bitte, nimmt die iranische Bedrohung Israels ernst und fordert Konsequenzen, als da sind: Ultimaten und Sanktionen bis hin zur Drohung mit dem Militärschlag? Außer aus Israel selbst kommen solche Töne nur aus den USA und sicherlich nicht von der Regierung oder der Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland.

Ich werde mich dort, wo deutsche Fahnen wehen, wohl niemals recht wohl fühlen. Aber: Wenn die Bundesregierung und mit ihr wenigstens ein großer Teil der Öffentlichkeit sagen würden: „Wir werden das Atomwaffenprogramm des Iran niemals hinnehmen und uns in dieser Frage geschlossen hinter den jüdischen Staat stellen“, wenn sie es bei solchen Worten, die noch relativ leicht ausgesprochen sind, nicht bewenden lassen, sondern hinzufügen würden: „Wir werden alle unsere diplomatischen, politischen, finanziellen und, wenn alles nichts hilft, auch militärischen Ressourcen ausschöpfen, um gemeinsam mit Israel und den USA dieses Programm zu stoppen!“, dann müsste ich sie hinnehmen, die eine oder andere schwarz-rot-goldene Fahne neben den hoffentlich viel zahlreicheren blau-weißen.

Aber es ist doch nicht so. Frau Merkel hat zwar im Januar eine bemerkenswerte Rede vor dem American Jewish Congress gehalten, wurde aber sofort danach vom Koalitionspartner und großen Teilen der Öffentlichkeit zurückgepfiffen. Seither schweigt sie und überlässt Steinmeier das Wort, der beinahe täglich erklärt, dass eine militärische Option „mit uns“ überhaupt nicht in Frage komme. Wie kann man aber auf zwischenstaatlicher Ebene einem totalitären Regime den verbrecherischen Wunsch nach der Bombe ausreden? Doch nicht durch schöne Worte und schon gar nicht dadurch, dass man ihm neuerdings sogar die Urananreicherung zubilligt. Das aber ist die Politik Chinas, Russlands und – immer fröhlich mit dabei – Deutschlands. Sind die israelsolidarischen Worte von Leuten, die eine solche Politik machen oder öffentlich unterstützen, auch nur das Papier wert auf, dem sie geschrieben sind?

Im Aufruf zu dieser Kundgebung, den die Redaktion, der ich angehöre, gerne unterschrieben hat, steht eine zweideutige Forderung: „Keine Gastfreundschaft und keine Eintrittskarte für einen Volksverhetzer, der wiederholt den Holocaust geleugnet hat, Israel von der Landkarte tilgen will, zur Judenvernichtung aufruft, Terror finanziert und“ – jetzt wird es spannend – „die gesamte zivilisierte westliche Welt bedroht und verhöhnt.“ Gäbe es eine westliche Welt, die eine Vorstellung von Zivilisation hätte, wie sie etwa in den USA, in Israel und mit Einschränkungen in Großbritannien, den Niederlanden oder Dänemark von der Mehrheit geteilt wird, ich könnte zustimmen. Sind aber westliche Länder zivilisiert, in denen Gruppen und Einzelpersonen, die mit Israel ohne Wenn und Aber solidarisch sind, Gegenstand geheimdienstlicher Nachforschungen werden, wie sonst die NPD oder Mili Görüs? Doch, auch das gibt es in Deutschland. Schauen Sie in den Verfassungsschutzbericht von 2004!

Halten Sie Länder ernsthaft für durch den Iran bedroht und verhöhnt, deren Elder Statesmen die Kooperation mit der Hamas bzw. das Appeasement mit dem iranischen Mullah-Regime predigen und in denen zu befürchten steht, dass die Außenpolitik diesen Empfehlungen bis ins Detail folgen wird? Lesen Sie die jüngsten öffentlichen Einlassungen von Altkanzler Schröder und Ex-Außenminister Fischer! Hören Sie Herrn Steinmeier genau zu, und führen Sie sich vor Augen, dass erst vor fünf Wochen ein Minister der Hamas-Regierung zu Gast bei Bundestagsabgeordneten verschiedener Parteien war! Nein, die Protagonisten der westlichen Appeasementpolitik gegenüber Regimes und Banden, denen die Auslöschung Israels eine Herzensangelegenheit ist, kann ein Ahmadinedjad gar nicht verhöhnen. Sie sind doch selbst der Hohn auf alles, was man unter Westen und Zivilisation früher einmal gefasst hat. Die Amadinedjads dieser Welt wollen solche westlichen Länder zumindest vorerst auch gar nicht bedrohen: Die tanzen ja längst nach ihrer Pfeife! Und wenn einmal, wie in Spanien geschehen, eine Regierung ausschert, reichen einige Bomben und 201 Tote – und ein zivilisiertes westliches Volk rennt zu den Wahlurnen und macht genau dort sein Kreuz, wo ein bin Laden es sehen will.

Verhöhnt werden nicht die Bundesregierung oder die Deutschen in ihrer Mehrheit, sondern nur wir wenigen, die ohnmächtig zuschauen müssen, wie Europa zusammen mit Russland und China Israel an seine Schlächter verkauft. Verhöhnt werden wir nicht von Ahmadinedjad, sondern von der deutschen Öffentlichkeit und Politik. Das iranische Regime bedroht auch nicht uns, die wir in einer westlichen Appeasement-Zivilisation leben. In die Schusslinie sind nicht die Länder von Old Europe geraten, sondern die Bürger Israels und die der USA. Darüber hinaus kann es die Bewohner aller Länder treffen, die mit dem jüdischen Staat und seinem engsten Verbündeten gegen den antisemitischen Terror kooperieren. Also sicherlich nicht die Deutschen.

Ich lebe, wie jeder vernünftige Mensch auch, lieber ohne Angst vor Terroranschlägen. Aber bevor ich mich von Nazis – seien sie nun deutsch und braun oder islamistisch und grün – nötigen lasse, jüdische, amerikanische oder religionskritische Menschen ihrem mörderischen Zugriff auszuliefern, wage ich lieber etwas. Die Verteidigung der westlichen Zivilisation – und die gibt es nur an der Seite Israels – vor solchen Zumutungen wäre es mir schon wert, mit einem mulmigen Gefühl in die U-Bahn einzusteigen. Würde das eine Mehrheit im Land und die Regierung genauso sehen, dann – und keinen Moment früher – mag in einem Meer von israelischen Fahnen von mir aus auch die eine oder andere deutsche wehen.

Stoibär

Wie schön, dass es trotz der Weltmeisterschaft noch echte, ja klassische Sommerloch-Themen gibt. Bär Bruno aka „JJ1“ ist so eines. Der Kerl ist zwar braun und nicht schwarz, aber er hat trotzdem etwas wunderbar Anarchistisches an sich: Lässt sich von keiner Grenze aufhalten, sondern nutzt schamlos das Schengener Abkommen aus und macht sozusagen kaputt, was ihn kaputt macht. Oder so ähnlich: „Wie am Sonntag bekannt wurde, richtete er in der Nacht auf einer Alm bei Achenkirch im Bezirk Schwaz Sachschaden an. Wie die Polizei bestätigte, habe der Meister Petz gegen 23 Uhr auf der Alm einen Holzzaun beschädigt. Dadurch seien Kühe ausgebrochen und brüllend umhergelaufen.“ Bruno ist also offenbar auch Veganer oder Tierbefreier, vielleicht sogar straight edge. Und er kennt seine Rechte: „Der Bärenanwalt wurde verständigt“, berichtet die Wiener Zeitung. Den Führerschein hat er offensichtlich zwar noch nicht, aber schwimmen kann er wie Michael „Albatros“ Groß zu seinen besten Zeiten: „Zuvor hatte der Braunbär nach seinem Autounfall und der Flucht vor den Suchhunden durch den Sprung in einen Stausee den bayerischen Kurort Kochel am See heimgesucht und war in der Nacht auf Samstag dort von mehreren Augenzeugen beobachtet worden.“

Inzwischen ist Bruno wieder in Österreich gelandet, nachdem er zuvor im bayerischen Kochel noch, sagen wir, Katz und Maus mit unbescholtenen Bürgern gespielt hatte: „Gegen 23.10 Uhr hatte ein Einheimischer, der mit seinem Hund spazieren ging, das Tier in nur etwa 20 Meter Entfernung auf der Straße gesehen. Er habe dem Bären ausweichen wollen, indem er um ein Haus herumging. Meister Petz tat jedoch dasselbe, so dass beide wiederum nur im Abstand von 70 Metern aneinander vorbei liefen.“ Klassischer Slapstick also, aber das Tier hat auch das Zeug für einen richtigen Action-Stunt: „Der Bär sei danach gegen einen Drahtzaun geprallt. Eingeengt sei er dann aus dem Stand eine etwa 2,50 Meter hohe Felsmauer hoch gesprungen.“

Ganz großes Kino also, und da stockt selbst hart gesottenen Politikern der Atem. Wie dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber beim Versuch einer Expertise, die offenkundig eine Mischung aus Brehms Tierleben und dem Verfassungsschutzbericht ist. Hier nun das Skript seiner Ausführungen; wer das Ganze lieber hören möchte, kann dies bei rest::müll tun.
„Äh… Natürlich freuen wir uns, das ist gar keine Frage, freuen wir uns, und die Reaktion war völlig richtig, einen äh… sich normal verhaltenden Bär in Bayern zu haben. Äh… Ja, des ist gar net zum Lachen! Äh… Und der Bär im Normalfall… Ich muss mich ja auch… äh… Auch Werner Schnappauf hat sich natürlich hier äh… intensiv äh… mit äh… so genannten Experten austausch… austauschen äh… müssen. Nun haben wir äh… Der normal verhaltende Bär lebt im Wald, geht niemals äh… raus und äh… reißt vielleicht äh… ein bis zwei Schafe im Jahr. Äh… Wir haben dann einen Unterschied zwischen dem normal sich verhaltenden Bär, dem Schadbär, und dem äh… Problembär. Und äh… es ist ganz klar, dass äh… dieser Bär äh… ein Problembär ist und äh… es ist im Übrigen auch äh… im Grunde genommen äh… durchaus äh… ein, ein… ein gewisses Glück gewesen: Der hat um 1 Uhr nachts äh… praktisch äh… diese Hühner gerissen. Und äh… Gott sei Dank war in dem Haus äh… war… Also jedenfalls ist äh…das nicht bemerkt worden aufgrund von äh… Es ist nicht bemerkt worden. Stellen sie sich mal vor, der war ja mittendrin, stellen sie sich mal vor, die Leute wären raus und wären praktisch jetzt äh… dem Bären äh… praktisch begegnet. Äh… Was da hätte passieren können! Und deswegen… Man muss einfach hier sehen… Ich habe sehr viel Verständnis für all diejenigen, die jetzt sagen: ‚Um Gottes Willen, ähm… äh… der Bär, und warum muss der gleich jetzt äh… abgeschossen werden bzw. muss hier eine… eine… Abschuss… äh… -erlaubnis gegeben werden?’ Nur, wenn die Experten sagen, das ist ein absoluter äh… das ist ein absoluter Problembär, äh… da gibt es nur die Lösung ihn äh… zu beseitigen, weil einfach die Gefahr so groß ist, dann hat der Minister keine andere äh… Möglichkeit äh… als eben so zu handeln, wie er gehandelt hat.“

Zu Gast bei Freunden Israels

Wenn man schon mal eine Weltmeisterschaft sozusagen vor der Haustür und darüber hinaus die Möglichkeit hat, an Tickets für ein Spiel zu kommen, überlegt man als fußballinteressierter Mensch eigentlich nicht lange, sondern ergreift die Gelegenheit, wenn sie gerade günstig ist. Und das war sie just gestern, als sich die Teams aus Tschechien und Ghana in Köln gegenüber standen: 35 Euro pro Karte für einen Platz im Yellow Sector, direkt neben dem Hauptblock der ghanaischen Fans, inmitten einer kleinen Gruppe von Anhängern der tschechischen Mannschaft (die meisten Supporter der osteuropäischen Elf saßen vis-à-vis).

Im Grunde genommen war die Konstellation dieser Partie auch unter politischen Aspekten günstig: Hier die Auswahl eines Landes, in dem am 27. Mai 1942 Reinhard Heydrich – SS-Obergruppenführer und General der Polizei, Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) und Stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren – bei einem Attentat im von den Nazis besetzten Prag schwer verletzt worden war und eine Woche später sein erbärmliches Leben aushauchte; das mit den Benes-Dekreten die Henleindeutschen heim ins Reich schickte; das unter Tomas Masaryk und Edvard Benes die zionistische Bewegung in den 1920er Jahren unterstützte und das Israel als eines der wenigen Länder schon 1948 mit Waffen belieferte. Dort das Team des einzigen WM-Teilnehmers, der bei israelischen Vereinen unter Vertrag stehende Spieler im Aufgebot hat: Sammy Adjej (SC Ashdod), John Paintsil (Hapoel Tel Aviv) und Emmanuel Pappoe (Hapoel Kfar Saba). Zum Einsatz kam jedoch nur Paintsil.

Fußball spielen können beide Mannschaften ziemlich gut, auch wenn das bei den Tschechen im ersten Gruppenspiel (3:0 gegen die USA) eher zu sehen war als bei den Ghanaern (0:2 gegen Italien). Gestern war es jedoch genau umgekehrt: Ghana zelebrierte ein fantastisches Kombinationsspiel, mit dem das tschechische Team überhaupt nicht zurecht kam. Bereits nach knapp zwei Minuten traf der überragende Asamoah Gyan zum 1:0, und die Bemühungen der Tschechen, den Ausgleich zu erzielen, wirkten ziemlich uninspiriert, zumal ihr einziger Angreifer Vratislav Lokvenc gegen die starke ghanaische Verteidigung kein Land sah und auch sonst glänzende Spieler wie Tomas Rosicky und Pavel Nedved (Foto, rechts) immer wieder ihre Meister fanden.

Die Westafrikaner hätten für ihren Traumfußball ein halbes Dutzend Tore verdient gehabt, doch sie vergaben selbst beste Chancen in Serie: Mehrfach stand ihnen der tschechische Torwart Petr Cech mit Glanzparaden im Weg, dann wieder rauschte der Ball knapp am Tor vorbei, und sogar ein Elfmeter in der 65. Minute blieb ungenutzt: Gyan drosch das Spielgerät an den Pfosten. Schließlich traf Sulley Ali Muntari in der 82. Minute nach einer perfekten Kombination doch noch zum 2:0, und damit war Tschechien gut bedient.

Nach dem Schlusspfiff zollten auch die Anhänger der unterlegenen Mannschaft den Spielern des Siegerteams Beifall, während John Paintsil den Erfolg mit einer israelischen Fahne feierte (Foto oben), die er offenbar in einem seiner Strümpfe verstaut hatte. Vermutlich keine explizit politische Geste, sondern in erster Linie eine, mit der er die Mitspieler seines israelischen Vereins Hapoel Tel Aviv grüßen wollte* – aber das spielt auch keine große Rolle, denn die Selbstverständlichkeit, mit der der ghanaische Spieler Flagge zeigte, bleibt ein erfreulicher und schöner Aspekt dieser Partie, die ein Genuss für Ästheten war und von einem bestens aufgelegten Publikum ohne Unterbrechung gefeiert wurde.

* Zu Channel 10 sagte Paintsil: „Ich tat es für alle im Volk, das mich liebt und gut zu mir war.“ Besten Dank an Samuel Laster für den Hinweis.

15.6.06

In Topform



Wie nach einem Ende des Streiks der Klinikärzte ein weiterer Ausstand verhindert wird und auch die Patienten zu ihrem Recht auf angemessene Behandlung kommen...

Zeichnung: Greser & Lenz, Hattip: Franklin D. Rosenfeld

14.6.06

Lifestyle-Antisemitismus

Im Grunde ist Frankfurt – am Main, nicht an der Oder – eine angenehme Stadt: durchaus urban – obwohl dort nur knapp 660.000 Menschen wohnen –, mit einer beeindruckenden Skyline, der größten Buchmesse der Welt und einem riesigen Flughafen. Man ist glatt geneigt, ihr internationales Flair bescheinigen zu sollen, auch wenn autochthone Bocken- und Bornheimer gerne mit lokalem Schnickschnack aufwarten – aber das ist ja kaum irgendwo wirklich anders. Kurz: Man kann’s aushalten in der Mainmetropole. Und wen es abends gelüstet, auf die Piste zu gehen, der hat ein veritables Angebot an kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten. Da allzeit die Übersicht zu behalten, ist gar nicht so leicht. Doch dafür gibt es ja FRIZZ – Das Magazin, eine monatlich erscheinende kostenlose Hochglanzzeitschrift, die in einer Auflage von immerhin 50.000 Exemplaren produziert und im Großraum Frankfurt bevorzugt in so genannten Szene-Cafés und -Kneipen, Kinos, Boutiquen, Restaurants und Kaufhäusern verteilt wird. Es handelt sich um den für solche Postillen typischen Vierfarb-Anzeigenfriedhof, der gelegentlich unterbrochen wird von trendigen Musiktipps, Lifestyle-Langeweile à la „Fitness-Studio-Check“, Hinweisen auf angesagte Lokale und Gewinnspielen, bei denen man im Erfolgsfall „WM-Unterwäsche“ geschenkt bekommt:
„Mädels, gebt’s auf! Momentan sehen die meisten Männer nur Bälle. Sie verbringen eure kostbare Zeit am Fußball-Stammtisch mit hitzigen Diskussionen, kreischen vorm Fernseher rum und dribbeln durchs Wohnzimmer. Meistens fallen sie nach einem langen Fußball-Tag wortlos ins Bett – kurz gesagt: nix als tote Hose. Falls ihr auch über ein Exemplar verfügt, das nur noch rund sieht, gibt’s hier die optimale Lösung. So könnt ihr eure eigenen Rundungen geschickt mit denen des Fußballs verbinden und punkten. Der Liebste wird sicher wieder Blicke für euch übrig haben, und kann zwei Leidenschaften miteinander kombinieren. Vielleicht seht ihr ja auch selbst gerne Bälle und betrachtet euch dann umso lieber im Spiegel. So oder so, es lohnt sich in jedem Fall! Der Dessous-Hingucker des Jahres!“
Ein richtiger – Verzeihung – Schenkelklopfer, den vermutlich ein spätpubertärer Redaktionspraktikant da mit seiner Vorliebe für den gepflegten Herrenwitz gebracht hat, was? Aber eine andere Alternative zum Fußballglotzen und Vögeln wäre ja auch der Gang ins gute alte Kino, und selbstverständlich steht FRIZZ nicht nach, mit kurzen und knackigen Besprechungen – die die Länge einer SMS besser nicht überschreiten, sonst liest sie nämlich kaum noch jemand – der hippsten Streifen aufzuwarten oder auch mal mit markigen Worten vom Betrachten eines Films abzuraten, wenn der den zu erwartenden Geschmack der FRIZZ-Zielgruppe eher nicht trifft. So wie United 93, der seit kurzem als Flug 93 in deutscher Fassung gezeigt wird und der den Versuch unternimmt, 9/11 filmisch zu verarbeiten. Der Rezensent mit dem schönen deutschen Namen Uwe Bettenbühl jedenfalls war alles andere als begeistert:*
„33 Passagiere, 4 Terroristen. Eine Maschine der United Airlines, Flugnummer 93, ist auf dem Weg von New York nach San Francisco. Es ist der 11. September 2001, und wir alle wissen, was an diesem Tag geschah. Oder glauben es zumindest. Denn es mehren sich die Beweise dafür, dass die Terror-Attacken auf Amerika gar keine waren – sondern inszeniert wurden vom amerikanischen und vom israelischen Geheimdienst. Aus welchem Grund? Die Sicherung geographisch und ökonomisch wichtiger Standorte wie Afghanistan und Irak sowie die Rechtfertigung dafür, die angeblich dem Terrorismus dienenden Länder militärisch anzugreifen. Nahezu sicher ist: Das World Trade Center wurde von militärischen Flugzeugen getroffen und zur Vernichtung der Beweise kontrolliert gesprengt. Warum fand man im Pentagon ebenso wie in Shanksville, Pennsylvania, keine Flugzeugwracks? Und was, wenn die eigentlichen Passagiere mit jenen der drei anderen Maschinen doch, wie vermutet, über dem Atlantik ‚entsorgt’ wurden? Darüber schweigt sich Paul Greengrass’ Film ‚Flug 93’ völlig aus. In Echtzeit will der Streifen die ‚offiziellen’ Geschehnisse an Bord der UA93, vom Boarden bis zum Hijacking und dem angeblichen Absturz, rekapitulieren. Vergleiche mit Riefenstahl’scher Propaganda tun sich auf. Wagemutig prahlen die Macher damit, die ersten zu sein, mit einem Kinofilm zum 11. September Stellung zu nehmen. Nur: Warum tun sie es dann nicht?“
Da hat einer aber gründlich die Bröckers, Wisnewskis, von Bülows und Mahlers inhaliert, bevor er in die Tasten griff, nicht wahr? Das fand auch das Bündnis gegen Antisemitismus Rhein/Main, das in einem offenen Brief an die FRIZZ-Redaktion* Klartext schrieb:
„Die These vom CIA und Mossad, die Tausende von Menschen und sogar die eigenen Staatsbürger/innen morden, um ihre blutigen Feldzüge im Zeichen des Öls zu legitimieren, ist nicht nur wahnhaft, sie ist vor allem eins: antisemitisch. Bettenbühl imaginiert sich eine zionistisch-amerikanische Verschwörung, die sich tendenziell die ganze Welt mit propagandistischen und/oder militärischen Mitteln unterwirft und sogar über die Macht verfügt, die Wahrheit über ihre eigenen Verbrechen zu unterdrücken.[...] Selbstverständlich darf dabei der Vergleich des kulturindustriellen Produktes mit dem Werk der Hitler-treuen Regisseurin Helene Riefenstahl nicht ausbleiben. Die USA als historische Siegermacht über den Nationalsozialismus rückt somit in die Nähe dieses bisher einzigartigen volksgemeinschaftlichen Vernichtungsprojekts, worin sich ein neudeutscher Geschichtsrevisionismus ausdrückt, der den NS beständig in anderen Nationen verortet, um seine Singularität zu leugnen. Bettenbühl bedient in seiner Rezension alle Kennzeichen moderner Verschwörungstheorien – inhaltlich: konspirativ wirkende Mächte, Öl und Profit als verdeckte Motive, die USA und Israel als heimliche Weltenlenker, die sich totalitärer Methoden bedienen: formal: der Journalist als letzter Aufrechter, der aber leider keine Belege vorzuweisen hat –, wie sie sich im Zeichen eines ansteigenden Antiamerikanismus und Antisemitismus in den letzten Jahren weit verbreitet haben.“
Viel mehr muss man dazu gar nicht sagen, und die Forderungen des Bündnisses nach einem Rausschmiss des Filmkritikers, dem Abdruck einer Gegendarstellung und einer blattinternen Auseinandersetzung mit Inhalt und Wirkmächtigkeit des antisemitischen Ressentiments wären tatsächlich berechtigt, wenn denn ernsthaft die Hoffnung auf Einsicht bei Leuten bestünde, die als Verantwortliche so einen Beitrag durchgehen lassen. Immerhin scheinen sich die Redaktionsfrizzen über das Schreiben der Aktivisten so erschrocken zu haben, dass sie die Besprechung sogleich von ihrer Homepage nahmen und dem Bündnis eine „Stellungnahme wegen der Missverständnisse“ versprachen. Man darf gespannt sein, um was für „Missverständnisse“ es sich angesichts einer an Eindeutigkeit kaum zu übertreffenden antisemitischen Eruption gehandelt haben soll. In der Zwischenzeit wäre – in der Hoffnung, dass man nicht eine Perle vor die nämlichen Säue wirft – die Lektüre des Buches von Tobias Jaecker zu empfehlen, der die „Antisemitischen Verschwörungstheorien nach dem 11. September“ mit Recht als „neue Varianten eines alten Deutungsmusters“ analysiert. Aber vielleicht verlangt man da auch zu viel von journalistischen Talenten, deren Kapazität vermutlich bereits mit Gedanken an die Miederkollektion bei der nächsten Eishockey-Weltmeisterschaft ausgelastet ist.

* Der Text ist nicht online einsehbar, liegt Lizas Welt aber als E-Mail vor.
Hattip: Thomas Schwebel

13.6.06

Befreiungsschläge

Partystimmung im Land des WM-Gastgebers: Sommerwetter, alle sind gut drauf, und spätestens seit Klinsmanns mittelmäßige Truppe das Wettschießen mit den fußballerisch noch limitierteren Costaricanern um die schlechtere Defensive gewonnen hat, gibt es nicht den Hauch eines Zweifels mehr, wie der kommende Weltmeister heißen wird. Die nationale Euphorie schlägt sich unübersehbar nieder in der offensiven Beflaggung zahlloser Fenster, Balkons, Autos und Kneipen sowie im Tragen entsprechender Devotionalien; es ist offensichtlich, dass in Bezug auf die Symbolik der postnazistischen deutschen Gesellschaft auch die letzten Hemmschwellen endgültig gefallen sind. Das allgegenwärtige Schwarz-Rot-Gold bedarf längst keiner Reflexion mehr: „Wenn die holländischen Fans Leipzig in Oranje hüllen, dann muss doch die Hauptstadt während der Fußball-WM ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer sein“, meint beispielsweise Frank Henkel, der innenpolitische Sprecher der Berliner CDU-Fraktion. „Als Fans und Patrioten sind wir hier gefordert“, findet er – und es widerspricht, man ist geneigt zu sagen: selbstverständlich, niemand. Äußerstenfalls herrscht hier und da ein wenig gespielte Verwunderung, die jedoch eher Erleichterung ausdrückt:
„Die Debatte über Patriotismus in Deutschland wird offenbar vor allem in Redaktionen geführt, auf der Straße und in den Stadien ist die verdruckste Scham im Umgang mit nationalen Symbolen offenbar einem unverkrampften Verhältnis gewichen. Selbst die Nationalhymne, in den vergangenen Jahrzehnten von vielen Länderspielbesuchern eher peinlich berührt zur Kenntnis genommen, wird heute von einem Großteil der Fans, wenn nicht gar mitgeschmettert, so doch zumindest klammheimlich mitgesummt.“
Die Veränderung, die hier – stellvertretend für viele andere – der Spiegel konstatiert, wird zwar registriert, aber nirgendwo analysiert. Erstaunlich ist das nicht: Die Zurschaustellung der deutschen Farben ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Vorbei sind die Zeiten der „verdrucksten Scham“, hinfort die Jahre der relativen Zurückhaltung, in denen autochthone Deutsche neidisch auf andere Nationen blickten, die nicht bloß bei Sportereignissen ihre jeweilige Landesfahne hissten. Vorüber ist diese quälende Selbstbeschränkung allerdings nicht erst jetzt, sondern genau genommen spätestens seit 1989/90, der so genannten Wiedervereinigung nämlich. Es folgten in regelmäßigen Abständen aufgelegte Patriotismusdebatten, bei denen sich die Protagonisten bemühten, einen ernsten, geschichtsbewussten und nachdenklichen Eindruck zu vermitteln. Dabei war der Weg bereits das Ziel, sprich: Es ging vor allem darum, Fragen nach Identität, Leitkultur, Nationalgefühl und ähnlichem Firlefanz als solche diskutabel zu machen. Auch vermeintlich kritische Stimmen stellten deren grundsätzliche Berechtigung nicht in Abrede, sondern mühten sich ganz staatstragend nach vermeintlich adäquaten Antworten.

Und so ging es bei diesen deutschen Selbstgesprächen mal um Verfassungspatriotismus, mal um die Zivilgesellschaft, mal um das Staatsbürgerschaftsrecht und mal um die Integration von Ausländern. Selten vergaß ein Redner dabei, rituell und sinnentleert auf „unsere Vergangenheit“ hinzuweisen, die bekanntlich Mahnung und Warnung sei – woraus jedoch selbstverständlich nicht zu folgen habe, gänzlich die Finger von dem ganzen Mumpitz zu lassen, sondern sich im Gegenteil mit besonderer Verve auf die Causa zu stürzen, gerne mit dem Argument, man dürfe sie schließlich nicht denen überlassen, die jedoch mit vollem Recht das Copyright der Antwort auf die Frage, was deutsch ist, für sich beanspruchen.

Die Linke wiederum – und zwar sowohl ihr parteienförmiger Teil von der SPD über die Grünen bis zur PDS respektive Linkspartei als auch ihre außerparlamentarischen Gruppen und Bewegungen – hatte in diesem Zusammenhang selten nennenswert Besseres zu bieten als diejenigen, die sie zu bekämpfen vorgab. Schon die KPD warb für ein angeblich anderes und besseres Deutschland, das es in Form der DDR schließlich auch gab und das nicht nur abstoßenden Stahlhelmsozialismus zu bieten hatte, sondern sich auch von allem Unbill des Nationalsozialismus frei wähnte und daher umso ungenierter Antizionismus und Antiimperialismus zur Staatsdoktrin machte, gegen den „angloamerikanischen Bombenterror“ zu Felde zog, Auschwitz als Werk einer gierigen Clique von Mächtigen namens Monopolkapital verharmloste und den Antisemitismus bloß für ein Mittel zur Spaltung der werktätigen Massen hielt. Das Ende dieses vermeintlichen Vorzeigevaterlands hinterließ bei den Linken in Ost wie West zunächst eine gewisse Ratlosigkeit, bis der Regierungsantritt von Rot-Grün 1998 plötzlich eine neue Option zu eröffnen schien, ein „unverkrampftes Verhältnis“ zu „nationalen Symbolen“ zu bekommen, wie der Spiegel es ausdrückt.

Unter einer Regierung Kohl wäre wohl noch Empörung zu vernehmen gewesen, hätte diese den ersten deutsche Kriegseinsatz seit 1945 damit begründet, man müsse „Konzentrationslager befreien“ und „ein zweites Auschwitz verhindern“. Rudolf Scharping und Joseph Fischer jedoch brauchten nicht mit Protesten zu rechnen, als sie diese besonders dreiste Relativierung des nationalsozialistischen Vernichtungswahns propagierten; vielmehr hatten sie durchschlagenden Erfolg mit ihrem Versuch, den deutschen Nationalismus zu renovieren und ihm sozusagen ein zeitgemäßes Antlitz zu verleihen: Die „Gerade-wir-als-Deutsche“-Deutschen sind geläutert und können, nein: müssen daher dazu übergehen, offensiv überall die Einhaltung der Menschenrechte einzufordern und notfalls gewaltsam durchzusetzen, wo sie verletzt worden sein sollen. Und wer könnte das glaubwürdiger vermitteln und durchsetzen als Linke, die doch schon ihre Väter ins Gebet genommen haben und das nun bei bestem Gewissen mit den Opfern ihrer vormaligen Erziehungsberechtigten veranstalten.

Lediglich ein paar Shoa-Überlebende protestierten gegen die infame Gleichsetzung von Auschwitz und dem Kosovo – eine vernachlässigenswerte Größe für eine Regierung, die sich bei der Vergangenheitsbewältigung nicht stören lassen will. Parallel dazu setzten sich in der Debatte um die Wehrmachtsausstellung diejenigen durch, die aus ihrer Verurteilung der Verbrechen von Hitlers Armeen die Schlussfolgerung ziehen zu dürfen meinten, die Bundeswehr stehe nicht in deren Tradition, sondern sei gewissermaßen das, was Franz-Josef Strauß in ihr schon weit früher gesehen hatte: die größte Friedensbewegung. Und zwar deren bewaffneter Arm. Der unbewaffnete brachte seine Heere knapp vier Jahre später zu Hunderttausenden auf die Straße, um den kriegsgeilen Amis und Juden zu zeigen, was ein echter deutscher Frieden ist, der sich verteidigen kann gegen Alliierten Bombenterror, gegen Bush und Sharon als neuen Hitler und gegen den amerikanischen Unilateralismus. Und gegen den Nationalismus, den man selbst überwunden respektive durch einen „gesunden Patriotismus“ ersetzt glaubt und nun stattdessen vor allem in den USA und Israel ausmacht.

Mit der Abspeisung der überlebenden NS-Zwangsarbeiter wurde de facto der Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit gezogen, den man in den Jahrzehnten davor zunehmend lauter gefordert hatte. Kurz darauf war das Holocaust-Mahnmal in Berlin fertig, und diese Koinzidenz ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Denn das größte Monument der Welt – das es nicht gäbe, wenn es zuvor nicht Auschwitz, Treblinka, Majdanek und Sobibór gegeben hätte – steht für die gewollte Perpetuierung der Diskussionen um die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945: Sie ist aufgearbeitet, und genau diese Errungenschaft gereicht sozusagen zum Exportschlager und Standortvorteil. Dem Modell inhärent ist eine Auszahlung der Restschuld, deren Höhe von den Nachkommen der Täter bestimmt wird und nicht von denen, die die deutsche Tat mit schwersten Schäden überstanden haben.

Das alles hätte ein Helmut Kohl zumindest mit weitaus mehr Aufwand durchsetzen müssen, und auch einer Du bist Deutschland-Kampagne wäre seinerzeit wohl mit weniger Sympathie begegnet worden als heute. Diese Werbeinitiative ist daher gerade nicht der x-te Ausfluss der immer gleichen Staatsräson, wie manche Kritiker glauben, sondern vielmehr die propagandistische Flankierung einer neuen Unbeschwertheit von Volk & Führung, hinter deren Ruf nach Frieden und Völkerverständigung den ausgemachten Feinden dieses Ziels faktisch ein Krieg erklärt wird, der sich derzeit vor allem durch Sabotageaktionen gegen die USA und Israel auszeichnet und durch Appeasement gegenüber Antisemiten und eine mehrheitsfähige Gleichsetzung Israels und der USA mit NS-Deutschland die ideologische Basis geschaffen hat. Die Gegner sind jedoch im Wesentlichen dieselben geblieben.

Man kann über Sinn und Unsinn des Fahnenschwenkens und über den Mummenschanz streiten, der während eines sportlichen Großereignisses wie der Weltmeisterschaft im Fußball aufgefahren wird. Doch auch im falschen Ganzen und einer nationalstaatlich verfassten Welt sind nachts nicht alle Katzen grau. Es ist ein Unterschied, ob die englischen Fans Flagge zeigen und „Ten German Bombers“ intonieren, oder ob die Hiesigen schwarz-rot-gold auflegen und im Stadion „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“ grölen. Es ist auch ein Unterschied zwischen amerikanischen, tschechischen, polnischen oder niederländischen Fahnen und Monturen und ihren deutschen Entsprechungen. Die Normalität, die durch das Zeigen deutscher Symbolik beschworen wird, kommt mit einer Selbstverständlichkeit daher, die in ihrer demonstrativen und aufdringlichen Selbstverständlichkeit den Trotz doch nicht verbergen kann: „‚Natürlich habe ich kein Problem mit der deutschen Fahne, ich bin ja deutsch’“, zitiert der Spiegel stellvertretend eine Nadine. Man lässt mit dieser Geste keinen Zweifel daran, dass man sich seinen Platz im Weltgeschehen zurückerobert hat und dabei trotzdem der Ansicht ist, noch viel mehr Geltung verdient zu haben.

In diesem Sinne reklamieren die Deutschen für sich, künftig nicht nur den Papst, sondern auch den Fußball-Weltmeister zu stellen; gleichzeitig hat man aus Prinzip, weil eigener Erfahrung viel Zuneigung für die – vermeintlich oder tatsächlich – Kleinen und Schwachen, die Exoten und Außenseiter, denn man kennt ihr Gefühl. Das gilt so lange, wie Trinidad & Tobago nur den Schweden auf die Knochen treten oder Angola Portugal nicht zur Entfaltung kommen lässt; wenn es gegen die Deutschen geht, ist allerdings selbstmurmelnd Schluss mit lustig. Gewiss hegt man auch in anderen Ländern Sympathien für die Underdogs, solange sie nicht dem eigenen Team zu nahe treten. Doch damit verhält es sich wie mit den Fahnen oder Trikots: Es ist nicht gleichgültig, ob ein Deutschlandfan den Ecuadorianern einen Sieg über Polen wünscht oder ob ein Brite hofft, dass sich die Gastgeber gegen Costa Rica blamieren.

Einen besonders impertinenten Beleg für die Richtigkeit dieser These lieferte übrigens der Co-Kommentator des bei RTL übertragenen Spiels des Iran gegen Mexiko, der ehemalige deutsche Nationalspieler Pierre Littbarski. Nicht genug damit, dass sein Redeanteil den des eigentlichen Reporters um Längen übertraf, weil der ehemalige Kölner Kicker nahezu ohne Unterbrechung mit nervtötenden Belanglosigkeiten glänzte; er ergriff darüber hinaus in einer selbst im deutschen Fernsehen selten erlebten Penetranz Partei für die vermeintlich Chancenlosen, also den Iran. Die politischen Implikationen einer Teilnahme der von den Mullahs gehätschelten Mannschaft an einer WM behauptete Littbarski ausblenden zu können, um jedoch spätestens angesichts einer sich abzeichnenden Niederlage seiner Lieblinge den „Geist von Spiez“ und „Das Wunder von Bern“ zu beschwören, mithin also eine deutsche Mythen bedienende, explizit politische Aussage zu treffen. Solche emotionalen Eruptionen sind kein Zufall; sie verbalisieren eine schon lange nicht mehr bloß heimliche Bewunderung für einen vermeintlichen Außenseiter, dessen höchster politischer Repräsentant den Holocaust leugnet und Israel vernichten will und dessen Vize unter Polizeischutz auf die Tribüne geleitet wurde.

Vielleicht hat sich der prominente RTL-Experte aber vorher auch die wissenschaftlich fundierte Unbedenklichkeitsbescheinigung abgeholt:
„Für den Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler ist das neu entdeckte Selbstbewusstsein der deutschen Fans kein Zeichen für aufkeimenden Nationalismus. Der Sport rufe vielmehr einen ‚Ersatznationalismus’ hervor, ‚weil er mit Nationalfarben und einer Nationalmannschaft operiert.’ Für Wehler ist die Wiederentdeckung der Deutschlandflagge ein ‚außerordentlich flüchtiges Phänomen’, ein gefährlicher Nationalismus werde dadurch nicht hervorgerufen. Selbst das ‚Wunder von Bern’, der deutsche WM-Sieg von 1954, sei in seiner Wirkung ‚sehr wenig gefährlich’ gewesen, so Wehler, die Begeisterung sei in erster Linie dem ‚Leistungsstolz’ entsprungen.“
Dem „Leistungsstolz“ nämlich, nach Auschwitz wieder für Deutschland sein zu können. Wehlers Parallelisierung der laufenden Weltmeisterschaft mit derjenigen 52 Jahre zuvor geschieht so – scheinbar – beiläufig, wie sie gezielt ist: Ein nationales Projekt findet schließlich auch unter den Intellektuellen seine Mentoren, zumal bei solchen, die immer gerne um Persilscheine ersucht werden, wenn es welche auszustellen gilt. Man kennt keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutschlandfans, und die ach so fröhlichen Feiern können schnell in ihr Gegenteil umschlagen, wenn man es mit den Falschen hält. Ein Spiegel-Reporter bekam bei einem Selbstversuch schon mal eine Kostprobe verabreicht, wie weit die Toleranz der künftigen Weltmeister geht. Was passieren kann, wenn das Turnier einen anderen Verlauf nimmt als den von den Deutschen vorgesehenen, mag man sich da lieber nicht vorstellen. Was geschieht, wenn das ersehnte Ziel erreicht wird, allerdings erst recht nicht.

Hattips: Doro & Clemens

11.6.06

Laizismus oder Barbarei

Viele Diskussionen gibt es um die mögliche Aufnahme der Türkei in die Europäische Union. Nicht wenige argumentieren, der Beitritt eines solchen Landes mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung stärke den Islam und ermuntere seine Anhänger, auch und gerade die bereits in Europa lebenden, zu einer weiteren Radikalisierung. Franklin D. Rosenfeld ist in seinem Gastbeitrag* anderer Ansicht. Er argumentiert, der türkische Laizismus werde durch diese organisierte Westanbindung eher gefestigt als geschwächt; zudem habe die Türkei in der Vergangenheit schon oft bewiesen, dass sie eine zuverlässige Kraft gegen den Wahnsinn ist, und auch ihre Beziehungen zu Israel seien ohne Beispiel in der muslimischen Welt.


Warum die Türkei in die EU gehört

Ein Plädoyer für den Beitritt der Türkei zur EU und für den Ausbau ihrer Westanbindung ließe sich begründen, indem ganz einfach die Argumente der Gegner auseinandergepflückt werden. Dabei soll zunächst mit einer Analyse der Türkei und der Welt als Synekdoche begonnen werden, gefolgt von einer Bestimmung der Freunde und Feinde der Türkei sowie von einer Erörterung ihrer Ausnahmestellung in der muslimischen Welt – denn würde man eine Liste aller mehrheitlich muslimischen Länder erstellen, in denen ein liberal-westlicher Lebensstil möglich oder denkbar ist, so wäre die Türkei immer als eines der ersten zu nennen.

An der Bedeutung dieses Landes im 21. Jahrhundert werden wenige zweifeln, und noch weniger werden sie kritisieren. Die politische Richtung, die die Türkei einschlägt, wird höchstwahrscheinlich entweder einen bedeutenden Beitrag zum Überleben der westlichen Zivilisation darstellen – oder ihren Niedergang befördern. Meines Erachtens fehlt jedoch eine Diskussion darüber, wie diese Entwicklung beeinflusst werden kann. Das Gleiche gilt für deren Ergebnis – wo und an wessen Seite wird die Türkei stehen, und wie wird sie politisch eingebunden? Worum geht es letzten Endes, und wie profitieren die Freunde und Nachbarn der Türkei von einem positiven Einfluss auf diese Richtung?

Die Grundannahme dieses Beitrags ist, dass die Türkei ein würdiges Mitglied der Europäischen Union wäre, wie sie auch eine der besten Hoffnungen im Krieg gegen den radikalen Islam und Israels einziger verlässlicher regionaler Alliierter ist sowie zudem eine Inspiration für die gesamte muslimische Welt sein kann, einen anderen Weg zu gehen als den des Islam. Kein anderes Land hat das Potenzial, ein Leuchtturm der Modernität für Länder von Marokko bis Malaysia zu sein. Am Rande sei in diesem Zusammenhang bemerkt, dass die Verwendung der Bezeichnung islamisch für eher säkulare Staaten mit muslimischer Mehrheit – wie etwa die genannten Marokko und Malaysia oder auch Jordanien – nicht sonderlich treffend ist; sehr tauglich ist dieser Begriff hingegen beispielsweise für die beiden Säulen des radikalen Islam: die Islamische Republik Iran sowie das Königreich Saudi-Arabien.

Die Schwerpunkte des Islam sind tendenziell um das arabische Zentrum der muslimischen Welt konzentriert, in der Einflusssphäre der starken und aggressiven islamischen Staaten, die ständig versuchen, ihre Fantasien und ihren Wahn zu exportieren. Dies gilt sowohl für Saudi-Arabien als Zentrum des sunnitischen Islam gegenüber Ägypten und Algerien als auch für Pakistan gegenüber dem Afghanistan der Taliban. Die Türkei – an der Kreuzung zwischen Europa und Asien gelegen und über den strategisch unschätzbaren Canakkale (die Dardanellen) wachend – hat insgesamt gesehen diesen und anderen Versuchungen in den vergangenen Jahrzehnten widerstanden. Sicherlich haben Ideologien wie der Nationalismus, der sowjetisch dominierte Realsozialismus, die französisch unterstützte panislamische Hesperophobie und der schiitische Islamismus die nicht-arabische muslimische Welt nicht so stark wie die arabischen Kernländer betroffen, mit der tragischen und äußerst kritischen Ausnahme des Iran allerdings. Auch auf die Gefahr hin, gewisse zivilisatorische Standards bloß herunterzubeten, sollen hier Ereignisse und Zustände aufgelistet werden, die der Türkei seit ihrer Gründung erspart geblieben sind:
  • Angriffskriege gegen souveräne Staaten
  • Faschistisch geprägte Diktaturen
  • Bürgerkrieg
  • Krieg gegen den Westen
  • Radikalislamische Unterdrückung
  • Realsozialismus
  • Krieg gegen, Konflikt mit oder auch „nur“ ein Boykott von Israel.
  • Und, um etwas tiefer in der Geschichte zu schwelgen: Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Türken und Juden nie gegeneinander gekämpft haben – beide zusammen jedoch gegen ihnen feindlich gesonnene arabische Staaten und Organisationen. Während die Vorgänger mancher der heutigen arabischen Regimes entweder verdeckt oder offen mit Nazideutschland sympathisierten und kollaborierten sowie Verbrechen gegen die Menschheit – die diesem Begriff erst seine volle Bedeutung verliehen – unterstützten, bot die Türkei mehr Flüchtlingen Unterschlupf als alle anderen kontinentaleuropäischen Länder. Anders als alle (!) EU-Staaten Kontinentaleuropas mussten die Bürger der Türkei darüber hinaus in den vergangenen 75 Jahren keine Veränderung ihrer Staats- und Regierungsform über sich ergehen lassen. David Ben Gurion (Foto) studierte in Istanbul dereinst Rechtswissenschaften, und erst kürzlich rühmte der türkische Präsident Ahmet Necdet Sezer vor der Knesset die „festen israelisch-türkischen Beziehungen“, die „viele schwere Prüfungen in guten wie in schlechten Zeiten überlebten“. Des weiteren betonte er, dass die Türkei bereit sei, „für ihren Freund Israel alles zu tun, um zu einem dauerhaften Frieden mit Israels Nachbarn zu gelangen“.

    Die guten Beziehungen der Türkei zu Israel haben eine jahrzehntelange Tradition; so erkannte sie vor zahlreichen europäischen Staaten Israel an – unglaubliche sechzehn Jahre beispielsweise vor der Bundesrepublik Deutschland. Darüber lohnt es sich zu reflektieren: Ein Land mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit nahm schon 1949, also unmittelbar nach dem Ende des israelischen Unabhängigkeitskrieges, diplomatische Beziehungen mit dem jüdischen Staat auf. Deutschland, andererseits, erkannte das Recht der Überlebenden des Holocaust – des schlimmsten Verbrechens in der langen Geschichte der Menschheit, das von Österreichern, Polen, Holländern, Litauern, Ungarn, Rumänen, Slowaken und anderen mitgetragen und erleichtert wurde, das aber von Deutschen ersonnen, erschaffen und ins Werk gesetzt wurde – auf einen Staat gewordenen Schutzraum erst mehr als eineinhalb Jahrzehnte nach der Staatsgründung Israels und nicht weniger als zwanzig Jahre nach der Befreiung der Überlebenden aus den Vernichtungslagern an. Grund genug, um Deutschland von allen Diskussionen über den EU-Beitritt der Türkei auszuschließen. Man kann die Haltung Frankreichs zur Türkei akzeptieren. Oder jene Großbritanniens. Die der Niederlande, auf jeden Fall. Die Italiens, eindeutig. Auch die Spaniens, vermutlich. Aber Deutschland? Niemals.

    Die Rolle der Türkei als Staat, der sich nicht von arabischen und radikalislamischen Interessen beeinträchtigen ließ, bestand geostrategisch gesprochen in der Absicherung der südöstlichen Flanke der NATO. Diese Absicherung wurde bemerkenswert erfolgreich vorgenommen. Und über die instrumentelle Funktion der Türkei im Kalten Krieg hinaus sei auch ihre entscheidende Rolle im Krieg um die Befreiung Kuwaits von der irakischen Okkupation 1991 sowie bei der anschließenden Kontrolle der Flugverbotszonen von 1991 bis 2003 genannt, die ohne die Türkei und insbesondere die Luftwaffenbasis Incirlik nicht möglich gewesen wäre.

    Viele Gegner eines EU-Beitritts der Türkei verweisen auf deren angeblich rückständigen und autoritären Charakter. Wenn man sie nun allerdings mit der Tatsache konfrontiert, dass neben Mustafa Kemal Atatürks Kreation die USA die einzige andere von einem General gegründete Demokratie sind, fangen viele Gegner an, den demokratischen Charakter des türkischen Staates in Frage zu stellen. Nicht wenige verweisen dazu auf den Wahlsieg der Islamischen Partei im Jahre 2002. Unverständlich bleibt dabei jedoch, warum dieser Sieg im Rahmen einer Republik, die dem Rechtsstaat verpflichtet ist, zu einer dauerhaften Verschlechterung führen soll. Vielmehr könnte der Sieg der Islamisten – der bei der türkischen Armee, der Hüterin des Laizismus und der republikanischen Werte, auf wenig Begeisterung stieß, um es vorsichtig zu formulieren – zeigen, dass der türkische Parlamentarismus auch solche Situationen übersteht, und es dürfte gewiss sein, dass die Islamische Partei nicht in der Lage ist, die Situation in der Türkei zu verbessern, weshalb ihre Abwahl bei den nächsten Wahlen wahrscheinlich erscheint.

    Andere werden einwenden, dass die Macht in diesem Staat noch immer nicht bei der Regierung, sondern bei der Armee liege. Der Einfluss der Streitkräfte sei zu groß, um die Türkei als vollständiges „Mitglied Europas“ akzeptieren zu können. Darin liegt ein Körnchen Wahrheit, auch wenn Hilmi Özkok (Foto), der Generalstabschef der türkischen Armee, Marine und Luftwaffe, überrascht sein wird, dass er der mächtigste Mann im Land sein soll. Gleichwohl ist es nicht zuletzt diese in der Verfassung verankerte Macht des Militärs, die den Laizismus der Türkei – und somit eine der beachtlichsten Erfolgsgeschichten der letzten Jahrzehnte – gesichert hat. Das einzige andere Land in Europa mit einer ähnlich strikten Trennung zwischen Staat und Religion ist Frankreich. Alle anderen EU-Länder sollten sich besser nicht beklagen – zumindest solange nicht, bis die automatische Einbehaltung von Kirchensteuer in Ländern wie Deutschland oder Österreich abgeschafft ist.

    Eine Kernfrage, die keiner der antitürkischen Kreuzfahrer bisher zur Kenntnis genommen hat, ist die nach den Alternativen, vor denen die Türkei steht. Sie könnte nach Osten schauen oder nach Süden, was bedeuten würde: Muslimbruderschaft oder Itbach al-yahud auf Türkisch. Und das wäre es dann. Doch es geht hier um mehr als nur um ein Land, ganz gleich, wie wichtig es ist. Wie, so wäre zu fragen, kann man im Westen ernsthaft behaupten, dass Bemühungen, ein Land auf westliche zivilisatorische Standards zu orientieren, gefördert und belohnt werden, wenn das westlichste und zivilisierteste Land der muslimischen Welt – ein Land, das seit fast sechzig Jahren Teil der bedeutendsten westlichen Allianz sowie ein zuverlässiger Alliierter der USA und Israels ist – ausgestoßen und abgelehnt würde? Wie könnte man es danach überhaupt begründen, den Irak – oder Malaysia und Marokko, vom Iran oder dem Sudan ganz zu schweigen – zu einer West-Verankerung zu motivieren?

    Nun, diese Kritiker werden darauf hinweisen, dass die Türkei zwar kein gänzlich islamischer Staat sei, aber doch der erste EU-Staat mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit wäre. Darauf folgt unweigerlich das Argument, dass Islam und Demokratie sich gegenseitig ausschlössen und dass kein mehrheitlich muslimisches Land das Recht habe, zur EU zu gehören. Doch was sagen diese Kritiker zu den wachsenden muslimischen Minderheiten in den meisten – wenn nicht allen – EU-Ländern, und wie gehen sie mit ihnen um? Nehmen wir dennoch an, dass diese Kritiker Recht haben. Warum zeigt sich dann eine nichtchristliche – oder, genau genommen, eine post-christliche – Organisation wie die EU besorgt um Muslime in einem potenziellen Mitgliedsland, aber nicht, so scheint es zumindest, um ihre eigenen, radikalisierten und antiwestlichen muslimischen Einwanderergemeinschaften? Glaubt jemand ernsthaft, dass die Türken Istanbuls, Ankaras und Izmirs, aus welchem Grund auch immer, weniger bereit sind, sich dem einundzwanzigsten Jahrhundert anzupassen, als die Muslime Lyons, Madrids oder Kopenhagens? Wenn ja, warum? Und zudem: Was tun mit dieser Einschätzung?

    Es wäre noch zu erwähnen, dass die Türkei in den vergangenen Jahren auch eine bedeutendere und entscheidendere diplomatische Rolle zu spielen begonnen hat – und ihre Bereitschaft und Entschlossenheit, beispielsweise Israels Akzeptanz in der Welt zu befördern, sind bemerkenswert. Der Zustand der EU hingegen könnte kaum schlechter sein: eine sklerotische Gemeinschaft aussterbender Ehemaliger aus der Ersten Welt, zusammen mit geografischen Zufällen. Somit hat sie ihre Daseinsberechtigung schon lange überschritten, und die so oft beschworenen „gemeinsamen Werte“ sind keine, die die Türkei – oder irgendein anderes Land – imitieren und implementieren sollte. Die Türkei stand konsequent und geschlossen gegen die Zumutungen des Realsozialismus, gegen den Ba’thismus und auf der Seite des Krieges gegen den Terror. Es wäre Zeit für eine ernsthafte Gegenleistung.

    * Der Beitrag ist zuerst in englischer Sprache erschienen und wurde für Lizas Welt überarbeitet.

    9.6.06

    Fehlschüsse & Volltreffer

    Kurz vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft legt man sich hierzulande noch mal richtig für Volk & Vaterland ins Zeug. Autofahrer befestigen schwarz-rot-goldene Lappen an ihrem Lieblingsspielzeug; allenthalben wird mit heiligem Ernst die W-Frage diskutiert; auf dem FIFA-Fan-Fest in Berlin grölen besonders euphorisierte Zeitgenossen Lieder mit einfallsreichen Zeilen wie „Worauf sind wir alle heiß? / Aufs Finale! / Wo siegt das Team in Schwarz und Weiß? / Im Finale! Was wird in der Hauptstadt sein? / Das Finale! / Wofür macht sich Frau Merkel fein? Fürs Finale!“, während arglose Zuschauer gerichtsnotorisch desto eher ihre Hosen herunterlassen müssen, je unauffälliger sie aussehen. Günther Beckstein will im Gegenzug „dafür sorgen“, dass Mahmud Ahmadinedjad „kein Haar gekrümmt wird“, weshalb dieser unter Polizeischutz zu stellen sei, während der bayerische Innenminister gegen dessen Aufenthalt demonstrieren will.

    Wieder andere stehen dem ganzen WM-Hype gezwungenermaßen eher skeptisch gegenüber: Zwei Organisationen, die der Spiegel grobschlächtig als „Ausländervereine“ qualifiziert, verteilen schriftliche Warnungen in fünf verschiedenen Sprachen, insbesondere an nach Deutschland kommende oder hier lebende Afrikaner, und raten darin „zu besonderer Vorsicht beim Aufenthalt in Ostdeutschland und Teilen Ostberlins“. Was den potenziell Betroffenen die Angelegenheit dabei erschwert, ist dies: „Rassistische Übergriffe werden nicht nur von sichtlich erkennbaren Rechtsextremisten, Skinheads oder Nazis verübt, sondern auch von Leuten, die allein von ihrem äußeren Erscheinungsbild nicht diesen Gruppen zuzuordnen sind.“ An Haltestellen und nachts sei daher besondere Aufmerksamkeit geboten. Und falls es doch zu einer Attacke komme, rate man zu folgendem Verhalten:
    „Rechnen Sie mit folgendem Effekt: Je mehr Menschen an einem Tatort versammelt sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass niemand helfend eingreift. Das klingt nur auf den ersten Blick unlogisch, aber die Wahrscheinlichkeit, dass jeder vom anderen glaubt, dass dieser schon etwas unternehmen werde, ist sehr groß. Bereiten Sie sich darauf vor, selber die Initiative zu ergreifen. Handeln Sie dabei sofort. Je länger Sie und andere zögern, desto schwieriger wird es, einzugreifen.“
    Nein, das ist keine Panikmache, auch wenn mancher, der sich im Zuge des Fußballturniers äußern zu müssen glaubt, es für eine solche hält, weil er – as always – den kollateralen Imageschaden für die postnazistische Gesellschaft und ihre Staat gewordene Repräsentanz fürchtet. Der Leitfaden ist vielmehr eine traurige Notwendigkeit für Menschen, die nicht so aussehen, als ob sie ohne weitere Prüfung einen NPD-Parteiausweis bekommen würden, im Unterschied etwa zu dem Nachwuchsnazi auf dem oberen Foto. Die Bork in der Fernsehserie Star Trek hätten ihre helle Freude an den deutschen Zuständen: Der so sehnsüchtig beschworene Gewinn des Titels assimiliert so gut wie alle, zu 80 Millionen Hooligans nämlich. Rette sich, wer kann.

    Dass man auch andernorts nicht mehr alle Latten am Zaun hat, demonstrierte der Kommandeur der Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden, Sakaria Subeidi: „Wir werden uns bemühen, Ruhe walten zu lassen, so dass unsere Nachbarn, die Israelis, entspannt und in Frieden die WM verfolgen können. Wir sind eine Nation, die den Sport fördert und wie andere Nationen die WM in Frieden und Sicherheit anschauen will.“ Das wäre ja in der Tat mal was Neues und Begrüßenswertes, aber man ahnt schon, dass da noch eine, sagen wir, Gegenleistung eingefordert wird: Subeidi hofft, „dass die Israelis während dieser Zeit ihre Patrouillen in den Städten des besetzten Westjordanlandes aussetzen“. Honi soit qui mal y pense.

    Die USA haben unterdessen schon vor Beginn der Weltmeisterschaft einen endspielverdächtigen Volltreffer gelandet und einem nicht ganz unbedeutenden Massenmörder (Fotos links) frühzeitig das Paradies und die 72 Jungfrauen beschert.

    Die Hymne zu dieser geschlossenen Mannschaftsleistung kommt von einem gewissen Sasha, der zwar nicht besonders gut singen kann, aber offensichtlich seherische Qualitäten hat:

    So we say good bye, bye bye, bye bye
    And we put our hands up in the sky
    And we wave our handkerchief you gotta leave
    So we say good bye, bye bye, bye bye
    You know you can't always walk along
    The sunny side of the street, there is mis'ry
    Around us from time to time
    And so you never know the way it goes
    Tomorrow we might be losers but this time
    We wanted all and got it all
    So after all the fuss and fight on our way
    There's only one thing left to say

    And we say good bye, bye bye, bye bye
    And we put our hands up in the sky
    And we wave our handkerchief you gotta leave
    So we say good bye, bye bye, bye bye
    In all dem Trubel beruhigen sich die Nerven wieder ein bisschen, wenn man zur Abwechslung mal jemanden sprechen hört, der als (inzwischen Ex-) Fußballer durchaus Aufschlussreiches zu sagen hat und nicht so stumpf auf Fragen antwortet wie das Gros seiner Kollegen. Bixente Lizarazu alias Liza (Foto) hat der französischen Zeitung Le Monde vor drei Tagen ein Interview gegeben, in dem er über die WM spricht, aber auch Erhellendes zum deutschen Fußball zu sagen hat und darüber hinaus erläutert, warum der FC Bayern München in gewisser Weise undeutsch ist, wie ihn der Verein angesichts der Erpressung durch die ETA unterstützt hat und warum er auch Rückendeckung bekam, als er den deutschen Rekordnationalspieler Lothar Matthäus ohrfeigte. Franklin D. Rosenfeld war so freundlich, das Gespräch vom Französischen ins Deutsche zu übersetzen; hier folgt ein längerer Auszug daraus.


    „Bayern München hat mich gegen die ETA unterstützt“
    Le Monde: Was erwarten Sie als ehemaliger Spieler des FC Bayern München von der Weltmeisterschaft in Deutschland?

    Bixente Lizarazu: Ich erwarte das zu sehen, was ich acht Jahre lang dort gesehen habe, also eine Atmosphäre, wie es sie sonst nur in englischen Fußball- oder in französischen Rugbystadien gibt. In Deutschland kann man wirklich als Familie zum Spiel gehen, ohne das geringste Risiko. Man ist dort weit weg von der Atmosphäre, die bei einem PSG-OM-Spiel* herrscht. Nach den Spielen trinken die Fans beider Teams ein Bier und tauschen Trikots aus, was belegt, dass es möglich ist, seine Mannschaft zu unterstützen, ohne sich deshalb an die Gurgel zu gehen. Ich habe während meines Aufenthaltes bei den Bayern nie irgendeine Aggressivität verspürt. Bayern ist sicherlich die beliebteste Mannschaft des Landes, aber auch die am meisten beneidete. [...]

    Welche Art Fußball mögen die Deutschen?

    [...] Was das Spiel angeht, würde ich sagen, dass dem deutschen Fußball eine gewisse taktische Reife fehlt. Die Systeme sind weniger ausgefeilt als in Italien, in Spanien oder sogar in Frankreich. Es ist ein Spiel, das sehr stark an der Offensive ausgerichtet ist, was erklärt, warum es viele Tore gibt. Auf der Defensivseite ist die Kultur des „einer gegen einen“ noch sehr verbreitet. Ein Spiel – das sind sehr oft elf Zweikämpfe. Daher auch die Bedeutung der physischen und mentalen Stärke im deutschen Fußball. Das Problem ist, dass es inzwischen überall in Europa deutliche Tendenzen in Richtung körperlicher und physischer Stärke gibt. [...]

    Wie erklären Sie sich, dass Sie in Deutschland erfolgreich waren? Nichts hat sie dazu prädestiniert...

    Wenn man meine Ursprünge, meine Persönlichkeit oder auch meine Vorliebe für ein Leben ohne Einschränkungen betrachtet, sagt man sich in der Tat, dass das gar nichts werden konnte. Aber es ist etwas Magisches passiert. Es ist so, dass ich es schätze, mit Menschen einer gewissen Qualität zusammenzuarbeiten. Ich habe bei den Bayern eine außerordentliche Führungsriege vorgefunden: Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge oder auch Trainer Ottmar Hitzfeld. Mit solchen Leuten kann man durchs Fegefeuer gehen. Ich war bereit, mir für Hitzfeld ein Bein auszureißen, wie übrigens für Aime Jacquet, der der andere Trainer ist, der mich sehr geprägt hat.

    Die Bayern waren, so scheint es, mehr als nur ein Arbeitgeber für Sie....

    Als ich Probleme mit der ETA hatte**, war es ganz Bayern München, das mich unterstützt hat. Genauso war es, als ich [Lothar] Matthäus geohrfeigt habe – man hat mir zu verstehen gegeben, dass ich damit nicht im Unrecht war.

    Man redet oft von der „Liebe zum Trikot“ im Fußball. Das bedeutet nichts. Was zählt, ist das gegenseitige Vertrauen, das Menschen aufbringen. Zufällig sind diese Menschen Deutsche, na und? Ich werde niemals die Hommage vergessen, die mir bei meinem letzten Spiel mit den Bayern bereitet wurde... Kein Vergleich zu der Art, wie meine Zeit in der französischen Nationalmannschaft zu Ende gegangen ist. Man sieht den Unterschied zwischen Menschen, die Klasse haben, und solchen, die keine haben.

    Was die französische Nationalmannschaft betrifft, wie sehen Sie ihre Weltmeisterschaft?

    Ich habe viele Freunde bei den „Bleus“. Ich möchte, dass deren WM schön für sie wird. Aber die französische Mannschaft muss akzeptieren, dass sie keinen Favoritenstatus innehat. Niemand sieht sie als Sieger. Brasilien ist oberhalb aller anderen, und Mannschaften wie Argentinien, Italien oder England scheinen ebenfalls sehr stark zu sein.

    Das Minimum für die „Bleus“ wäre es, das Viertelfinale zu erreichen. Das wird ohne Zweifel am schwierigsten. Aber ab da können sie Schönes vollbringen. Was die Einzelspieler angeht, haben wir immerhin ein ungeheures „Material“.

    Das Problem ist, dass diese Mannschaft noch nicht richtig Fuß gefasst hat. Die Qualifikation war sehr schwerfällig. Das ist eine einfache Feststellung. Im Jahr 2002 hatten wir auch sehr ordentliches „Material“, und das hat nicht gereicht. Denn wenn eine Mannschaft nicht zusammenspielt...
    Das Interview führte Frederic Potet.

    * Paris St. Germain gegen Olympique Marseille
    ** Anmerkung der Le Monde-Redaktion: Im Jahr 2000 verlangte die baskische Gruppe von ihm die Zahlung der „Revolutionssteuer“

    Hattips: Doro, Mona Rieboldt, Sebastian, Germanophobia & Spirit of Entebbe

    8.6.06

    Antizionismus für Kinder

    Baden-Württemberg ist ein friedfertiges Bundesland. Praktisch niemand will dort etwas Böses, man geht höflich miteinander um, pflegt verschiedene Mundarten, die allesamt wenig aggressiv daherkommen, ist redlich, ökologisch und fromm, steigert das Bruttosozialprodukt und hält es je nachdem mit dem VfB Stuttgart oder dem SC Freiburg, die ebenfalls noch nie jemandem ernstlich weh getan haben. Kein Wunder deshalb auch, dass die Fußballmannschaft des Iran ihr Quartier am Bodensee bezogen hat und dort freundlich empfangen worden ist. Denn die so genannte Friedensbewegung hatte zwischen Freudenberg und Konstanz, zwischen Kehl und Dischingen immer wahre Hochburgen, und wer erinnert sich nicht an den perlenden Wortwitz der Marke „Mutlangen, unser Mut wird langen“ im Zuge naiv-kindlicher und also deutscher Achtziger-Jahre-Proteste gegen den alliierten Bombenterror, Verzeihung: die Nachrüstung und US-amerikanische Mittelstreckenraketen? In diesem süddeutschen Landstrich hat es auch ein beschauliches Städtchen namens Tübingen, das nicht nur über eine als intellektuell beleumundete Universität verfügt, sondern auch ein Friedensplenum/Antikriegsbündnis und eine Informationsstelle Militarisierung (IMI) beheimatet – wie es sich gehört, sind beide eingetragene Vereine – und ein Institut für Friedenspädagogik vorweisen kann, das ebenfalls amtlich als gemeinnützig registriert ist und seine Ziele so umreißt:
    „Ein zentrales Anliegen [...] ist es, Friedenserziehung durch ein Angebot fundierter Materialien, Bildungsangebote und Beratung in der Gesellschaft zu verankern und Zugänge in alltägliche Bildungszusammenhänge zu eröffnen.“
    Zu diesen „fundierten Materialien“, die „alltägliche Bildungszusammenhänge eröffnen“ sollen, wie es in grausamstem Pädagogendeutsch heißt, gehört der Webauftritt frieden-fragen.de, nach eigener Auskunft ein „Internet-Angebot für Kinder, Eltern und ErzieherInnen, das zu Fragen von Krieg und Frieden informiert und einen Austausch zu diesem Themenbereich ermöglicht“. Da lohnt sich doch einen näherer Blick darauf, was da im einzelnen so ausgetauscht wird. Immerhin gerät das Ganze ja in Kinderhände – doch man braucht nicht lange, um resümieren zu können, dass für die kindgerechte Beantwortung nicht unkomplexer Sachverhalte wie „Krieg“ und „Frieden“ Erwachsene herangezogen wurden, deren Horizont den eines Siebtklässlers nur unwesentlich überschreitet und die insofern tatsächlich auf Augenhöhe agieren. Die Uno und das Völkerrecht werden bei ihnen als vorbildliche Regulationsinstanzen gehandelt, und man weiß auch, dass Krieg „in den Köpfen der Menschen“ beginnt. „Kann ein Krieg auch zu uns kommen?“ Eher nicht, denn „die meisten Länder in Europa haben gelernt, dass sie ihre Streitigkeiten nicht mit Waffen, sondern durch Gespräche und Verhandlungen lösen“, ganz im Gegensatz etwa zu – na? – den USA und Israel. Erstere ist beispielsweise schuld daran, dass das geläuterte Deutschland immer noch nicht ganz entmilitarisiert ist: „Die amerikanische Armee hat in Deutschland an zwei Orten Atomwaffen gelagert [...] Diese Atomwaffen gehören den ‚Amerikanern’, und nur sie können darüber verfügen.“ Die verschämten Anführungszeichen kaschieren nur unwesentlich, dass man sich im Grunde immer noch besetzt fühlt und sich von diesem gewalttätigen Pack schon lange nichts mehr sagen lassen will.

    Zumal man immer lauter darauf besteht, dass das mit den Nazis zwar zugegeben nicht so der Brüller war, die anderen aber auch die Späne fliegen ließen, denn: „Leider ist es [...] so, dass auch in ‚gut gemeinten’ Kriegen Menschen getötet und Sachen zerstört werden.“ Knapp daneben ist schließlich auch vorbei, weshalb man auf diese nicht mal besonders subtile Art und Weise den Alliierten vorwirft, die Nazis nicht mit Kerzen, sondern mit dem Militär zur Aufgabe gedrängt zu haben. Dennoch sind für die Friedensdidaktiker noch lange nicht alle Kriege gleich: Die einen wollen halt erobern, und wieder andere sind „mit der Regierung nicht einverstanden und versuchen so, selbst die Macht über das Land zu bekommen. Manche Gruppen kämpfen auch darum, ein eigenes Land zu bekommen. Das wollen zum Beispiel die Palästinenser in Israel.“ Jawohl, in Israel! Denn: Sie „kämpfen um ihr Lebensrecht als Volk und für das Recht auf einen eigenen Staat“. Das klingt nicht nur nach Blut & Boden, das ist es auch.

    Und falls mal jemand fragen sollte – wie „Cilem, 16 Jahre“ alt und damit ganz allmählich wohl in der Lage, auch umfangreichere Angelegenheiten zu erfassen –, wie lange denn der „Krieg in Palästina“ schon dauere, bekommt zur Antwort: „Die Probleme in Israel nennt man Nahost-Konflikt.“ So einfach kann das sein, wenn man nur simpel genug strukturiert ist, diese Eigenschaft jedoch als Abstraktionsvermögen verkauft, das wiederum spätestens bei seiner Konkretwerdung zur Ideologie gerinnt. Als Beleg mögen hier pädagogisch zurecht gemachte Berichte von „palästinensischen Schülerinnen und Schüler der Schule Thalita Kumi über ihre alltäglichen Erfahrungen mit Krieg und Gewalt“ genügen. Die vierzehnjährige Nadia Kalilieh etwa beschreibt ihr „Leben in Palästina“ so:
    „Das ist unser Land, aber wir können nicht einfach fahren, wohin wir wollen. Zum Beispiel, wenn wir nach Jerusalem fahren wollen, müssen wir 2 Stunden fahren. Aber ohne Barriere auf diesem Weg bräuchten wir nur 15 Minuten.“
    Über die Gründe dafür, dass die Fahrt in die israelische Hauptstadt 120 Minuten dauert statt einer Viertelstunde, erfährt man nichts: nichts darüber, dass die hier als „Barriere“ bezeichneten Kontrollen schon so manches (Selbst-) Mordattentat verhindert haben, nichts über die antisemitischen Vernichtungsdrohungen und -anschläge, nichts über die unhintergehbare Sehnsucht einer veritablen Mehrheit in den Autonomiegebieten nach ganz Palästina. Stattdessen geißelt Nadia lieber den Schutzwall:
    „Mit der Mauer ist es wie ein großes Gefangensetzen. Die Mauer trennt unsere Länder. Wir protestieren, aber sie wird gebaut. Diese Mauer ist ungerecht und terrorisiert uns. Alle Weltkinder haben Träume. Palästinakinder haben Alpträume.“
    Die armen Geschöpfe, die unter dem Besatzungsterror leiden. Kinder sind bekanntlich nach der Wahrheit die zweiten Opfer eines jeden Krieges. Wer diesen angezettelt hat und weiter befeuert, wer eine islamistische Partei an die Regierung gewählt hat, die Israel nichts als Tod und Verderben wünscht, wer dafür verantwortlich ist, dass Trennzäune notwendig wurden, die den „Palästinakindern“ schlaflose Nächte bereiten – kein Sterbenswörtchen davon. Bloß ungeschminkter Antizionismus, den man gar nicht früh genug verabreicht bekommen kann, geht es nach dem Institut für Friedenspädagogik. Auch die weiteren zitierten Kinder – Lina (14), Lina (15) und Mariam (14) – berichten dementsprechend von niederträchtigen Angriffen des Israelis, von Ausgangssperren, Schüssen, Panzern, geschlossenen Schulen und Schikanen. Aber sie „hoffen, wie viele andere Kinder und Jugendliche im Nahen Osten, auf eine friedlichere Zukunft“. Was das heißt, erschließt sich recht unmittelbar aus dem Gesagten: das, was nicht nur Mahmud Ahmadinedjad sich unter einer „Welt ohne Zionismus“ vorstellt.

    Doch selbstverständlich – das gehört bei solchen Institutionen zum automatisierten Repertoire – versucht man dem denkbaren Vorwurf der Einseitigkeit zu entgehen, der, bei Lichte betrachtet, allerdings völlig fehl am Platz wäre, weil es vielmehr darum zu gehen hätte, Partei für die andere Seite, für Israel, zu ergreifen, auch deshalb, weil das die Alpträume der Kinder weit eher verschwinden ließe als der Support von Hamas, Fatah & Co. Doch weil man sich äquidistant gerieren will, wo eine propalästinensische Position längst offensichtlich geworden ist, kündigt man an: „Bald könnt Ihr auch Berichte von israelischen Schülerinnen und Schülern lesen, die für ‚frieden-fragen’ schreiben werden.“ Diese Ankündigung steht dort, so fand eine Leserin der Institutsseite heraus, seit fast einem Jahr; bis heute wartet man vergeblich darauf, dass auch die Ängste israelischer Kinder etwa vor palästinensischen Selbstmordattentätern zur Sprache kommen. Zufall? Wohl kaum. Aber vielleicht ist es auch besser so, nicht lesen zu müssen, welche Stimmen die Tübinger Friedensfreunde tatsächlich unter den befragten israelischen Kids auswählen würden. Den geistigen Nachwuchs der Avnerys, Langers und Warschawskis vermutlich.

    Fotos (aus Ramallah): Julia, Hattips: Doro & Si Vis Pacem, Para Bellum

    7.6.06

    Kernige Sportler

    Da hatte wieder einmal ein Sozialdemokrat einen ganz großen Auftritt. Der Genosse Dieter Wiefelspütz (Foto), seines Zeichens so genannter Innenexperte der SPD, metapherte die Konsequenzen eines im Raum stehenden WM-Besuchs des iranischen Mullah-Vorstehers Mahmud Ahmadinedjad im Interview mit der Berliner Zeitung so zurecht: „Wir können die Tür nicht zumachen, wenn er anklopft.“ Vielmehr wird also ein kräftiges „Herein!“ zu hören sein, wenn der Herr Präsident Einlass begehrt. Denn: „Deutschland hat als Staat ein Problem damit, einen Staatspräsidenten unfreundlich zu behandeln.“ Es ist das hierzulande so verehrte Völkerrecht, das in letzter Konsequenz gegen die USA in Stellung gebracht wird, die nicht verhandelbare Bedingungen eben tatsächlich nicht verhandeln. Und dieses Völkerrecht geht von Kollektivsubjekten aus, von einer Unterschiedslosigkeit, der das nicht bloß im Kern faschistoide Selbstbestimmungsrecht der Völker zugrunde liegt, das nicht trennen mag zwischen bürgerlichen Demokratien und autoritären bis klerikalfaschistischen Diktaturen.

    Und so heißt der Wiefelspütz – und bekanntlich nicht nur er – im Fall der Fälle einen Holocaustleugner willkommen, dem die Tür zu weisen das mindeste wäre, was sich tun ließe; rechtlich wäre das allemal zu begründen. Doch der Sozenmann tut das, was man in seiner Partei oft und gerne praktiziert: darauf bauen, dass man zumindest potenziell unangenehmen Situationen nicht ausgesetzt wird, obwohl man selbst alles für das Gegenteil getan hat. Bei Wiefelspütz heißt das: „Ich hoffe, dass sich die Dinge sportlich regeln.“ Sportlich! Er meint vermutlich, dass die iranische Fußballmannschaft bereits in der Vorrunde ausscheiden möge, weil sich dann ein Besuch Ahmadinedjads erledigen und kaum jemand mehr die Causa zum Skandal erheben würde. Aber das Statement kolportiert natürlich ebenso den Mythos der Trennbarkeit von Sport und Politik, die es nicht gibt und nie gegeben hat und die Vernichtungswütigen wie dem iranischen Präsidenten bestens zupass kommt. Vielleicht können sich jetzt wenigstens die Buchmacher freuen, weil Wetteinsätze auf den Iran wachsende Beliebtheit erfahren.

    Wiefelspütz griff aber nicht nur einmal verbal daneben: „Immer da, wo der radikale Antisemitismus vorhanden ist, gibt es taktische Bündnisse, die den Außenstehenden gelegentlich erstaunen“, kommentierte er Ankündigungen von Neonazis, sich mit dem Judenhasser im iranischen Präsidentenamt zu solidarisieren. Erstaunlich ist das nicht bloß taktische Bündnis zwischen Arierfans und Islamisten jedoch nicht die Bohne: Wer so spricht, kennt weder die traditionell guten Beziehungen nationalsozialistischer Deutscher zur arabischen Welt noch deren Grundlage: den Antisemitismus. Daher seien dem Regierungsvertreter die Worte im Munde umgedreht: Als „taktisches Bündnis“ ließe sich auch der Kritische Dialog bezeichnen – und da ist Wiefelspütz eines gewiss nicht: Außenstehender.

    Wer jedoch immer noch nicht davon überzeugt ist, dass es richtig und notwendig gewesen wäre, den Iran von der Weltmeisterschaft auszuschließen, und stattdessen die Ansicht vertritt, man könne die Sportler doch nicht für das Regime haftbar machen, dem sei der folgende Beitrag von Eldad Beck (Foto) empfohlen, den er für die israelische Tageszeitung Yedioth Ahronoth verfasst hat. Becks Reportage zeigt, wie es einem israelischen Journalisten in Deutschland ergeht, der versucht, mit den selbst ernannten iranischen „Botschaftern des Friedens“ in Kontakt zu treten. Und sie nimmt eine historische Einordnung vor, die man offenkundig weder im Land des Gastgebers noch beim Weltfußballverband hören will. Gründe genug, um den Text in seiner deutschen Übersetzung* zu dokumentieren.

    Bereitet die „Kerne“ vor**
    Wird der Iran die Überraschung der WM sein?

    Von Eldad Beck


    Sie sind sehr höflich, die iranischen Fans. Gestern trafen 30 von ihnen am kleinen Flughafen von Friedrichshafen ein, darunter einige Frauen mit bunten Kopftüchern, um auf ihre Nationalmannschaft zu warten. Bewaffnet mit Fahnen, Süßigkeiten und Blumen in den Nationalfarben achten sie darauf, sich höflich, scheu und politisch korrekt zu verhalten, wobei vor allem vermieden wird, „Ahmadinedjad“ zu erwähnen.

    Auch die Spieler der iranischen Mannschaft, die bekleidet in grauen Anzügen und hellblauen Hemden mitten im deutschen Regen landen, erhielten die klare Anweisung, keine problematischen Themen anzusprechen. Weder Atom noch Shoa. Nur Fußball. „Wir werden alles geben“, verspricht der Star, Ali Karimi (Foto), den Fans, die sofort in „Iran, Iran, Iran“-Rufe ausbrechen.

    Die laute Kapelle von Friedrichshafen, die dieser Tage ihr 50-jähriges Bestehen feiert, begleitet die ersten Minuten der iranischen Mannschaft auf deutschem Boden. „Wir haben schon vor wichtigen Leuten gespielt, wie z.B. dem Kanzler, aber heute handelt es sich um einen besonderen Auftritt“, erzählte einer der Musikanten. „Trotz der Problematik um den iranischen Präsidenten muss ich als Musiker Weltoffenheit bewahren.“

    Die Offenheit, die er demonstriert, ist anders als die, die mir, einem israelischen Journalisten, von der iranischen Mannschaft entgegen gebracht wird. Ich schaffe es gerade noch, einen der Spieler zu fragen, was er von der politischen Kontroverse hält, die um seine Mannschaft entstanden ist, und von ihm zu hören, dass er sich nicht mit Politik befasse, bis dann iranische Journalisten Vertreter der iranischen Botschaft über meine Präsenz informieren. Von dem Moment an scheitern alle meine Versuche, mit den iranischen Spielern zu sprechen.

    Der iranische Botschafter in Deutschland lächelt nach allen Seiten. „Es ist eine nationale Ehre, an der WM teilzunehmen“, sagt er. „Sport sollte nicht mit Politik in Zusammenhang gebracht werden. Wir hoffen auf faire Spiele, für Frieden und Solidarität.“ Obwohl Teheran bekannt gab, Ahmadinedjad würde eventuell doch nach Deutschland kommen, sollte der Iran in die nächste Runde aufsteigen, besteht der Botschafter darauf, dass solche Plane nicht existieren. Ich wende mich an ihn, um ihn zu fragen, ob er von den Fans der iranischen Mannschaft in Israel gehört habe, aber die Sicherheitsbeamten flüstern ihm zu, wer ich bin und führen ihn sofort weg.

    Wegen des Medientrubels, der die iranische Mannschaft begleitet, sind die Spieler in keiner Großstadt untergebracht, sondern in Friedrichshafen, einer kleinen Stadt am Bodensee, am südlichsten Ende Deutschlands. Die Stadtväter, berauscht von der Tatsache, dass ihre Stadt plötzlich in den Weltmedien Beachtung findet, geben sich große Mühe, den iranischen Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.

    Doch selbst hier, in dem Paradies am Bodensee, hat die iranische Präsenz eine problematische Bedeutung. Der Platz, auf dem die Mannschaft gestern ihr erstes Training abhielt, befindet sich in der Nähe der Fabriken der Firma „Zeppelin“. Im 2. Weltkrieg dienten diese Firmen der NS-Kriegsmaschinerie. Dort wurden die „V-2“ -Raketen entwickelt, die auf Großbritannien abgeschossen wurden. In den Fabriken arbeiteten Häftlinge aus Dachau.

    Eine noch viel deutlichere Ironie liefert das städtische Stadion von Nürnberg, nur wenige Meter vom Reichsparteitagsgelände der Nazis entfernt, wo das erste Spiel der iranischen Mannschaft, gegen Mexiko, stattfinden wird. Die Tatsache, dass eine Mannschaft, die ein Land repräsentiert, dessen Oberhaupt den Holocaust leugnet, in die Stadt kommt, in welcher die Nazis im Jahre 1935 die Rassegesetze übernommen haben, stößt ziemlich vielen Leuten auf. Das iranische Regime hätte sich jedoch keinen besseren Zufall wünschen können.

    Als der Vorsitzende des iranischen Fußballbundes vor zwei Monaten die Stadt besuchte, um die Vorbereitungen auf die Ankunft seiner Mannschaft zu überprüfen, informierte er die Gastgeber darüber, dass Ahmadinedjad eventuell das Spiel seiner Mannschaft in Nürnberg mit seiner Anwesenheit beehren werde. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde Deutschlands forderte sofort von FIFA und der Bundesregierung, die Einreise des iranischen Präsidenten zu verhindern. Die FIFA lehnte die Forderung mit der Begründung ab, es handle sich um ein Sportereignis, das nichts mit Politik zu tun habe, und auch die Bundesregierung gab bekannt, sie werde ihre Rolle als Gastgeberin ausüben, solange Ahmadinedjad wisse, dass er sich mit Kritik an seinen Erklärungen bezüglich der Vernichtung Israels und der Holocaustleugnung auseinander zu setzen habe.

    „Ich kann nicht verstehen, wie die FIFA eine Mannschaft, die ein Land repräsentiert, das zur Vernichtung Israels aufruft, an der WM teilnehmen lässt“, empört sich Arno Hamburger, 83, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Nürnbergs. „Die FIFA hätte den Iranern sagen müssen, nicht zu kommen. Ich verstehe nicht, warum man sie so umschwärmt. Die Welt scheint vergessen zu haben, dass man Verhandlungen mit dem Teufel fuhrt, und er lacht alle aus.“

    In den letzten 35 Jahren fungiert Hamburger als Stadtrat der SPD, und von dort aus führt er seine zahlreichen Kämpfe, um sicher zu stellen, dass die Juden der Stadt, die bis heute ein Wallfahrtsort für Neonazis ist, ein normales Leben führen können. In der ganzen Stadt sind auch heute noch Erinnerungen an die Nazizeit zu sehen, doch die Stadtführung Nürnbergs unternimmt große Bemühungen, für die dunkle Vergangenheit ihrer Stadt zu sühnen. Als der iranische Präsident bekannt gab, er beabsichtige in die Stadt zu kommen, gab Oberbürgermeister Ulrich Maly sofort bekannt, Ahmadinedjad sei eine persona non grata in Nürnberg. Wie auch immer, im Moment scheint Ahmadinedjad von seiner Absicht Abstand genommen zu haben. Er beabsichtigt, seinen Stellvertreter nach Deutschland zu schicken. Er selbst werde nur kommen, sollte seine Mannschaft ins Achtelfinale aufsteigen.

    Oberbürgermeister Maly hat jedoch auch nicht vor, den Stellvertreter zu empfangen. „Wir haben ihn nicht eingeladen, also werden wir ihn auch nicht wie unseren Gast behandeln“, sagt er. „Am Tag des Spiels werde ich bei einer Demonstration sprechen, die die jüdische Gemeinde in der Stadt organisiert. Ich werde dort gegen das Atomprogramm des Iran protestieren, wie auch gegen die anti-israelische Haltung des iranischen Regimes. Sollten die Neonazis versuchen, eine Solidaritätskundgebung mit dem Iran abzuhalten, werden wir ihnen zeigen, dass die demokratischen Kräfte in dieser Stadt die Mehrheit darstellen.“

    In Nürnberg ist vom WM-Fieber noch nicht viel zu merken, obwohl in den Souvenirläden am Hauptbahnhof schon für sieben Euro eine iranische Fahne erworben werden kann. Hunderte iranische Fans, zum Teil direkt aus dem Iran, zum Teil aus europäischen Ländern, werden kommen, um ihre Mannschaft anzufeuern. Viele meinen, die Chancen, ins Achtelfinale aufzusteigen, seien besser als jemals zuvor. Es handelt sich um die beste iranische Mannschaft aller Zeiten, und einige ihrer Stars spielen im Ausland, vor allem in Deutschland.

    „Eines muss klar sein“, sagt Stefan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. „Wir demonstrieren nicht gegen das iranische Volk, sondern gegen das Regime, gegen den Holocaustleugner Ahmadinedjad und gegen die anti-israelische Politik der iranischen Regierung.“ Die Demonstrationen werden weit entfernt von den Stadien stattfinden, denn die deutschen Sicherheitskräfte werden es nicht zulassen, dass sich die Demonstranten den Spielern nähern.

    Auch die Neonazis, die wahrscheinlich für den Iran demonstrieren werden, werden nicht in der Nähe der Stadien aufmarschieren können, und es wird sogar die Möglichkeit überprüft, im Verlauf der WM ein völliges Protestverbot gegen sie zu verhängen. Übrigens: Beide Gruppen – die Juden mit den israelischen Fahnen und die Neonazis mit ihren Parolen für die neuen Kameraden in Teheran – bereiten sich darauf vor, sich in die Stadien einzuschleichen, um ihren Protest zum Ausdruck zu bringen.

    Die Spieler der iranischen Mannschaft werden versuchen müssen, den Trubel zu ignorieren, der um sie veranstaltet wird, und sich auf die Spiele zu konzentrieren. Die iranische Mannschaft kam mit der hohen Motivation des Vertreters eines Landes nach Deutschland, das international isoliert ist. „Ihr werdet noch sehen“, so einer der Fans, „der Iran wird die Überraschung der WM sein.“
    * Quelle: Medienspiegel der Deutschen Botschaft Tel Aviv
    ** Mit „Kerne“ sind die Sonnenblumenkerne gemeint, die in Israel gerne beim Fernsehschauen geknabbert werden, hier jedoch als Anspielung auf die iranischen Kernwaffen


    Hattips: Mona Rieboldt & Doro

    6.6.06

    Doing the Crouch

    „Von mir aus kann es dann losgehen“, gibt sich Statler bereits WM-startklar, und in der Tat wartet man wie Robinson auf Freitag und damit darauf, dass all das nervtötende Vorgeplänkel – von bizarren Testspielen kurpfälzischer Amateurmannschaften gegen den Eröffnungsspielpartner der Klinsmann-Eleven bis zur abseitigsten Meldung über die Play Station-Erfolge irgendwelcher deutscher Kicker – in drei Tagen ein Ende hat, selbst wenn die aufdringliche schwarz-rot-goldene Beflaggung auch der kleinsten Bäckereiauslage leider noch eine Weile vorhalten wird. Wer sich wirklich für Fußball begeistert und nicht bloß per Support dem nationalen Auftrag Wir werden Weltmeister Genüge tun zu müssen meint, werfe ein Auge auf England, das rechtzeitig vor dem ersten Kick einen in sein Herz geschlossen hat, der dem vermutlich verletzungsbedingt ausfallenden Wayne Rooney sicher nicht ebenbürtig, aber dennoch ein mehr als passabler Ersatz ist. „Do the Crouch“, heißt der Sommerhit auf der Insel und – hopefully – in Kürze auch in den hiesigen Stadien. Er ist dem 25-jährigen Peter Crouch (Foto) gewidmet, der seine Tore – darunter drei beim 6:0 des englischen Teams im Testspiel gegen Jamaika am vergangenen Samstag – auf eine recht eigenwillige Art und Weise feiert. Wer nämlich dachte, der Robot-Dance sei eigentlich ein Relikt aus der Popmusik der 1980er Jahre, erlebt beim Angreifer des FC Liverpool nun das furiose Comeback dieser Einlage, die der Guardian so beschreibt:
    „Die Hände ausgestreckt, die Ellbogen steif im rechten Winkel und dann ruckartig zu einem imaginären Beat bewegt, das ist der Torjubel-Mittanz-Wahnsinn, der die Nation durchschüttelt. Von Burnham-on-Crouch bis nach Crouch End machen Menschen den Crouch.”
    Und das hoffentlich auch bei den WM-Spielen der Three Lions in Frankfurt (gegen Paraguay), Nürnberg (gegen Trinidad & Tobago) und Köln (gegen Schweden). Im Achtelfinale könnte es dann zu einer Begegnung mit den Deutschen kommen, sofern die Naturfreundejugend Berlin nicht mit ihrer Kampagne schon vorher Erfolg hat. In jedem Fall mögen der Zwei-Meter-Mann Peter Crouch und die Seinen so häufig wie möglich dafür sorgen, dass Grund zum Tanzen besteht. Denn das wäre die Erlösung von einem Zustand, den Tobias Kaufmann auf den Punkt bringt:
    „Wir Fans können das Spiel unseres Klubs nicht genießen. Wir durchleben jedes Mal einen neunzigminütigen Höllentrip aus Angstschweiß und Adrenalin, der nach einem Sieg in einer Explosion der Erleichterung und Glückseligkeit mündet. Das ist die stärkste Droge, die es gibt.“
    Was sonst noch zu einem gepflegten Fußballspiel gehört – der Rasen etwa, der Ball, Aberglaube und Teamgeist –, fasst Kaufmann in seinen lesenswerten Elf Geboten zusammen, die bereits zur Europameisterschaft vor zwei Jahren zu lesen waren und nun aktualisiert und überarbeitet wurden.

    Fehlt noch was zu einer akkuraten und professionellen Vorbereitung? Vielleicht dieses: ein Blick auf die Homepage der Titanic, wo Mark-Stefan Tietze wertvolle Tipps für WM-Touristen gibt, besser gesagt: Hinweise auf „Touristenfallen und jede Menge Verhaltensweisen, die Sie besser meiden“. Unter „Ängste zurückhalten“ beispielsweise heißt es:
    „Kultur, Wirtschaft und Küche beruhen in Deutschland traditionell auf Angst. Entsprechend stolz ist man auf diese Angst und verbreitet sie gerne weiter. Aktuell ängstigen sich die Deutschen besonders vor ihrer Rente, ihrem Aussterben und ihrem Ausscheiden in der Vorrunde. Scheuen Sie sich nicht, über Ihre eigenen Ängste zu sprechen (z.B. vor Überschwemmungen, Atomkrieg oder Sauerkraut) – gestehen Sie Ihren Gastgebern aber stets zu, die bedeutenderen Ängste zu haben.“
    Und noch eins sollte man nie tun: „Den Krieg zu erwähnen vergessen“. Denn:
    „Deutsche brennen darauf, Ihnen in stundenlangen Gesprächen zu beweisen, dass sie ihre teilweise etwas unglücklich verlaufene Geschichte kennen und daraus Wichtiges gelernt haben. Anschließend erklärt Ihnen der Deutsche dann gern, was in Ihrem Heimatland so alles faul ist und für welche Genozide Sie sich verantwortlich fühlen sollten.“
    Gerne nimmt er Sie auch mit zum Holocaust-Mahnmal in Berlin, vielleicht nach einem gemeinsamen Endspiel-Besuch. Im ungünstigsten Fall ist er dann stolz, nicht nur Vergangenheitsbewältigungs-, sondern auch Fußball-Weltmeister zu sein. Aber man soll den Teufel ja nicht an die Wand malen.

    Hattips: Si Vis Pacem, Para Bellum & Spirit of Entebbe

    5.6.06

    Schwabenpfeile

    Es gehörte schon immer zum Repertoire der unsympathischsten und mörderischsten Gestalten in Geschichte und Gegenwart, nach dem Motto „Besser ein schlechter Ruf als gar keiner“ zu verfahren. Und jeder von ihnen liebt(e) es, sich öffentlich zu inszenieren und die Welt in Atem zu halten. Mahmud Ahmadinedjad bildet da selbstverständlich keine Ausnahme, und er versteht es geschickt, die am kommenden Freitag beginnende Fußball-Weltmeisterschaft zu nutzen, um die auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit sogar noch zu intensivieren. Immerhin bewirkte seine bereits vor Monaten getätigte Ankündigung, der iranischen Nationalmannschaft während des Turniers möglicherweise einen Besuch abzustatten, zweierlei: Sie nötigte Bundesinnenminister Schäuble ein Bekenntnis zur deutschen Gemütlichkeit auch gegenüber einem Holocaustleugner und eliminatorischen Antisemiten ab, und sie ließ aufs Neue deutlich werden, um was für einen Haufen es sich beim Weltfußballverband FIFA handelt.

    Auch die Spiegel-Redakteure wollten gleich zu Beginn ihres kürzlich geführten Gesprächs mit dem iranischen Präsidenten wissen, ob er denn bereits beim Auftaktmatch seines Teams am 11. Juni in Nürnberg zu Gast bei Freunden sein werde. Doch dieser wich einer konkreten Antwort nachgerade genüsslich aus: „Das kommt darauf an. Ich werde mir das Spiel natürlich in jedem Fall anschauen, aber ob zu Hause vor dem Fernseher oder anderswo, weiß ich noch nicht. Meine Entscheidung hängt von vielerlei ab: Wie viel Zeit ich habe, wie manche Beziehungen sind, ob ich dazu Lust habe und manches mehr.“ Der Herr lassen nämlich gerne bitten. Doch nachdem Ahmadinedjad in Teheran bei einem Empfang unmittelbar vor der Abreise der iranischen Fußballmannschaft nach Deutschland erneut vom iranischen Fußballverband FFI herzlich eingeladen (Foto oben) und ihm sogar ein Trikot mit der Rückennummer 24 überreicht worden war, zeigte er sich erkenntlich und kündigte einen Abstecher für den Fall an, dass das Team ins Achtelfinale einzieht; dazu müsste der Iran nach seinen Spielen gegen Mexiko, Portugal und Angola zumindest Tabellenzweiter werden. Der symbolische Gehalt der Zahl auf der Rückseite des Präsentes für den Präsidenten könnte übrigens kaum größer sein: Das Aufgebot jedes WM-Teilnehmers besteht aus 23 Spielern, deren Leibchen von 1 bis 23 durchnummeriert sind; Ahmadinedjad steht also gewissermaßen auf Abruf bereit.

    Daraus folgt die höfliche Bitte von Lizas Welt an die Naturfreundejugend Berlin, das Motto ihrer sympathischen Kampagne (Bild rechts) für ein frühzeitiges Ausscheiden des Gastgeberlandes und ein damit verbundenes Ende der schwarz-rot-goldenen Nerverei endlich auf die iranische Mannschaft auszudehnen.* „In der Bundesregierung wird man nun wohl hoffen, dass sich die iranischen Fußballspieler möglichst ungeschickt anstellen. Denn sollte das Team die Vorrunde tatsächlich überstehen, dürfte das Berlin große diplomatische Sorgen bescheren“, mutmaßt unterdessen der Spiegel, der seine Begegnung mit Ahmadinedjad bekanntlich bereits per Auswärtsspiel hinter sich gebracht hat. Doch in der Großen Koalition sieht man keinen Handlungsbedarf – „Man beschäftige sich mit der Frage erst, wenn sie sich auch wirklich stelle, sagte ein Sprecher“ –, während der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger, zwar kein Einreiseverbot fordert, immerhin jedoch ankündigt, den ungebetenen Gast „ganz sicher nicht“ zu begrüßen.

    Andere zeigen da durchaus mehr Entschlossenheit. 75 Abgeordnete des Europäischen Parlaments beispielsweise fordern ein europaweites Einreiseverbot für den iranischen Präsidenten. „Es gibt nichts, was die EU-Mitgliedsstaaten daran hindert, einzeln oder kollektiv eine Erklärung zu verabschieden, damit Ahmadinedjad kein Visum erhält und somit in keines der Länder reisen darf“, stellte der britische Mandatsträger Charles Tannock stellvertretend für die Unterzeichner klar. Und unter dem Motto „Keine Gastfreundschaft für Volksverhetzer! Solidarität mit Israel – gegen Ahmadinedjad und seine deutschen Neonazi-Freunde“ mobilisieren über 4.000 Menschen in einem dreisprachigen Aufruf zu Protestkundgebungen während der Spiele des Iran.

    Dessen Mannschaft – die sich selbst als „Botschafter des Friedens“ sieht und sich nun vermutlich besonders ins Zeug legen wird, um dem Obertäubchen eine Eintrittskarte fürs Achtelfinale schenken zu können – hat seit gestern übrigens Quartier in Friedrichshafen bezogen, was die Bewohner des Bodenseestädtchens „mit schwäbischer Gelassenheit und auch ein wenig Stolz“ quittiert haben sollen. „Wir wollen, dass Beziehungen auf persönlicher Ebene entstehen, dass sich die Spieler wohl bei uns fühlen. Ich denke nicht, dass man in diesem Zusammenhang politische Entwicklungen hier und jetzt diskutieren muss“, wand sich Oberbürgermeister Josef Büchelmeier in einer Stellungnahme um eine Stellungnahme herum.

    Sollte der Iran tatsächlich die Vorrunde überstehen und Mahmud Ahmadinedjad daraufhin in der Zeppelinstadt einschweben, gäbe es ein 180 Jahre altes Gedicht von Gustav Schwab, dessen Rezitation zur Begrüßung nicht übel passen würde. Denn mit ein bisschen Fantasie ließe sich das lyrische Werk metaphorisch geschickt wenden – Der Reiter und der Bodensee schlössen dann mit den folgenden Zeilen, die vom Ende eines Ritts kündeten: dem eines Wahnsinnigen durch die Weltgeschichte. Wohlan:
    Es stocket sein Herz, es sträubt sich sein Haar,
    Dicht hinter ihm grins’t noch die grause Gefahr.
    Es siehet sein Blick nur den grässlichen Schlund,
    Sein Geist versinkt in den schwarzen Grund.
    Im Ohr ihm donnert’s wie krachend Eis,
    Wie die Well’ umrieselt ihn kalter Schweiß.
    Da seufzt er, da sinkt er vom Ross herab,
    Da ward ihm am Ufer ein trocken Grab.
    * By the way: Auch Saudi-Arabien möge dieses Schicksal ereilen. Allerdings dürften die Chancen dieses Teams angesichts seiner Gruppengegner Spanien, Ukraine und Tunesien ohnehin bloß theoretischer Natur sein.

    1.6.06

    Spieglein an der Wand

    Was tut man als Chefredakteur – zumal im Zeitalter elektronischer Information und Kommunikation – nicht alles, um seinem Printmedium nicht bloß die Auflage zu erhalten, sondern sie nach Möglichkeit sogar zu steigern und darüber hinaus in aller Munde zu bleiben? Am besten Geschichten bringen und Geschichte schreiben wie kein Zweiter. Dafür fliegt man auch schon mal mit zwei Mitarbeitern im Gepäck nach Teheran, um sich dort vom „unberechenbaren Präsidenten“ des Landes empfangen zu lassen und mit ihm „über den Holocaust, die Zukunft des Staates Israel, über Fehler Amerikas im Irak und Teherans Anspruch auf Nuklearenergie“ zu plauschen, wo andere aus besten Gründen weitere Unterhaltungen verweigern. Eine ganze Menge wäre zu sagen über diese Form des Kritischen Dialogs von Stefan Austs NGO, auch wenn Mahmud Ahmadinedjad die ihm gebotene Plattform letztlich bloß nutzte, um Dinge kund zu tun, die man ohnehin schon von ihm kannte. Daniel Kulla resümierte das Meeting eines Holocaustleugners mit einem postnazistischen deutschen Wochenmagazin treffend so:

    „Der iranische Präsident wollte mit deutschen Journalisten reden, weil er in ihnen potenzielle Verbündete, mindestens jedoch nützliche Idioten sieht: ‚Wir haben das deutsche Volk als Ansprechpartner gesehen. Mit Zionisten haben wir nichts zu tun.’ Er kann ihnen persönlich unterstellen, eine ‚Geisel der Zionisten’ zu sein und mit dieser Formel den ‚Spiegel’, ganz Deutschland und den Iran zu einer Interessengemeinschaft zusammenwerfen; er kann seine Interviewer in einer konstanten Defensivposition halten; er muss nicht befürchten, auf die Hisbollah angesprochen zu werden. Er genießt, dass seine Verschwörungstheorie unter Meinungsfreiheit fällt und dass sie von professionellen Journalisten auch als Meinung akzeptiert wird. Denn der ‚Spiegel’ ist unverkennbar stolz, vom ‚Mann, vor dem die Welt sich fürchtet’ (Titelseite) erwählt worden zu sein. Gleich ‚von diversen Regierungsstellen’ wurde signalisiert, dass die ‚Dialogbereitschaft’ Ahmadinedjads an diesem Interview abgelesen werden würde.“

    Nun, dass er den Dialog verweigert hätte, lässt sich schwerlich behaupten. Und er hat Statements abgegeben und Fragen gestellt, die man hierzulande fraglos nicht einmal ungern hört. 68,3 Prozent der Deutschen „ärgern sich“ bekanntlich „darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden“, weshalb diese satte Zweidrittelmehrheit heftig genickt haben dürfte, als der iranische Präsident die Spiegel-Redakteure anherrschte: „Wie lange soll das so weitergehen? Wie lange, glauben Sie, muss das deutsche Volk die Geisel der Zionisten sein? Wann ist das zu Ende – in 20, 50, in 1000 Jahren?“ Das wussten auch Augsteins Erben nicht – „Wir können nur für uns sprechen“ –, was Ahmadinedjad erst recht kampfeslustig machte: „Ich freue mich, dass Sie ehrliche Menschen sind und sagen, dass Sie verpflichtet sind, die Zionisten zu unterstützen.“ Eine solch freche Unterstellung wiesen seine Gäste entschieden zurück: „Das haben wir nicht gesagt, Herr Präsident.“ Natürlich nicht. Wo kämen wir da auch hin?

    Es half nichts; die Spiegel-Schreiber blieben für den „Herrn Präsidenten“ Zionistenknechte, zumal sie seine Ansichten zur Shoa nicht teilen mochten. „Es ist doch ganz klar: Wenn der Holocaust in Europa passiert ist, dann muss man die Antwort darauf ebenfalls in Europa finden. Andererseits: Wenn der Holocaust nicht passiert ist, warum ist dann dieses Besatzerregime [...] zustande gekommen?“, fragte Ahmadinedjad bloß rhetorisch, um erneut „eine internationale und unparteiische Gruppe“ herbeizusehnen, die „ein für alle Mal Klarheit“ schaffen möge. Deren Ergebnisse dürfte er sich vermutlich ungefähr so vorstellen, wie Hossein Ebrahimi Moghadam aus Teheran – laut eigenen Angaben „Vater zweier Märtyrer“ – sie im nebenstehenden Cartoon bildlich umgesetzt hat: Nix Holocaust, stattdessen Israel und – sozusagen aus gegebenem Anlass – auch Dänemark als säuische Missgeburten des angloamerikanischen Imperialismus. Hier die deutsche Fassung* der Sprechblasen und Kommentare:
    1. „Dich kennen gelernt zu haben, ist das Schönste in meinem Leben.“
    2. „Gratuliere, Ihre Frau ist schwanger.“
    3. „Ach! Warum sind die Kinder uns nicht ähnlich?“
    4. „Mach dir keine Sorge, sie werden uns ähnlich.“
    5. „Dänemark und Israel sind zwei schmutzige Samen von Amerika und England!“
    *Übersetzung: Nasrin Amirsedghi