14.5.08

Der beste Freund Israels

An salbungsvollen Worten fehlte es durchaus nicht, als das offizielle und offiziöse Deutschland dem Staat Israel unlängst zu dessen 60. Geburtstag gratulierte. Von „Freundschaft“ und einer „besonderen Verantwortung Deutschlands“ für den jüdischen Staat war da die Rede, vom gelungenen christlich-jüdischen Dialog und von intakten diplomatischen, kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen. Dass das nicht einmal die halbe Wahrheit ist, zeigen zum einen zahllose Talkshows und Dokumentationen, Radio- und Fernsehbeiträge, Zeitungskolumnen und offene Briefe sowie Umfragen und Erhebungen, aus denen der als „Israelkritik“ kostümierte Antisemitismus nur so quillt. Zum anderen erweisen sich aber auch die Treueschwüre des verantwortlichen politischen Personals als hohle Phrasen, denn sie bleiben ohne handfeste Konsequenzen – insbesondere deshalb, weil nichts unternommen wird, um die iranischen Vernichtungspläne zu durchkreuzen. Christian J. Heinrich zeigt in seinem Gastbeitrag für Lizas Welt, wie übel dem Jubilar jenseits aller Bekenntnisse hierzulande mitgespielt wird – seit ehedem.

VON CHRISTIAN J. HEINRICH

„Deutschland ist der beste Freund Israels!“ – so schallt es am 8. Mai 2008 bei den Festlichkeiten zum 60. Geburtstages des jüdischen Staates über den Berliner Gendarmenmarkt. Weil man dem Gehörten wohl nur zu gern Glauben schenken möchte, applaudieren die zwei- oder dreihundert Versammelten den drei Herren auf der Bühne: dem Gesandten des Staates Israel, Ilan Mor, dem Präsidenten des deutschen Bundestages, Norbert Lammert, und natürlich dem Vizepräsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Jochen Feilcke, der immer dabei ist, wenn es unter blau-weißen Wimpeln etwas zu feiern gibt und hinreichend Kameras und Mikrofone das festzuhalten bereit sind. Dann sagt Feilcke Sätze wie: „Israel soll nicht immer nur als Land der Krise wahrgenommen werden.“ Es gehe vielmehr auch darum, das „touristisch Reizvolle“, die „Innovationen des Landes“ und dessen „positive Kraft“ zu zeigen. „Israel at its best“, das ist einer seiner innovativen Marketing-Sprüche. Auf dem Fest gibt es derweil bunte Broschüren, Imbissbuden und eine Hüpfburg. Wer zehn Euro übrig hat, kann diesen Betrag spenden. Davon kauft der Verein vom Herrn Feilcke dann dem Staat Israel einen Olivenbaum. Es könnte alles so schön sein, so schön wie im Paralleluniversum auf dem Gendarmenmarkt.

Doch laut einer Umfrage der BBC vom Frühjahr 2007 sind 77% der Deutschen der Ansicht, Israel habe einen negativen Einfluss auf die Welt. Zuvor schon hatten 65% der Deutschen in einer Umfrage der Europäischen Kommission geäußert, Israel sei nicht nur eine, nein, Israel sei die Gefahr für den Weltfrieden. Das war 2003, auf dem Höhepunkt der zweiten „Intifada“, als bei 20.406 Anschlägen, darunter 138 Selbstmordanschlägen und 13.730 Schussüberfällen sowie 460 Angriffen mit Kassam-Raketen, mehr als 1.063 Israelis ermordet und mehr als 7.054 verwundet wurden.

Die Fantasien der „Israelkritiker“

Hierzulande ängstigt man sich nämlich vor Israel. Der renommierte Nahostexperte Igal Avidan hat in seinem neuesten Sachbuch mit dem Titel Israel. Ein Staat sucht sich selbst deshalb gleich zweimal den israelischen Historiker Benny Morris in durchaus kritischer Absicht zitiert: „Ohne die Ausrottung der 700.000 Palästinenser wäre ein jüdischer Staat erst gar nicht entstanden“, soll Morris geschrieben haben. Und weiter: „Es gibt keinen Grund, warum die Juden nicht selbst einen Staat besitzen dürfen, auch um den Preis der Ausrottung der Palästinenser.“ Man muss den jüdischen Staat wirklich fürchten, wenn selbst seine kritischsten Bürger – und ein solcher ist Benny Morris zweifelsohne – die „Ausrottung der 700.000 Palästinenser“ für akzeptabel halten. Es ist das Verdienst Igal Avidans, diese Zitate einem deutschen Publikum in deutscher Sprache zur Verfügung gestellt zu haben.

Doch gestattet man der eigenen Vernunft einige Betriebsamkeit, so muss man bei der Rede von der „Ausrottung der Palästinenser“ doch aufmerken und sich auf die historischen Tatsachen besinnen. Benny Morris schrieb im englischsprachigen Original, das Avidan zu übersetzen versuchte, von „uprooting“. Das bedeutet allerdings keineswegs „ausrotten“, sondern vielmehr „entwurzeln“. Avidan jedoch lässt die Israelis hunderttausendfach Palästinenser ermorden, obwohl der so falsch zitierte Benny Morris dies keinesfalls bezeugen möchte. Und so wird aus Avidans vorgeblicher Leistung – der sachkundigen Aufklärung der Deutschen über Israel – eine erhellende Freudsche Fehlleistung, die auch den wohlmeinenden Rezensenten, ob nun in der Berliner Zeitung oder in der Süddeutschen Zeitung, nicht aufgefallen ist. Denn mit Avidans Übersetzungskünsten werden schließlich die üblichen wahnhaften antiisraelischen Projektion bedient. Auch die Lektoren des zum Hugendubel-Konsortium gehörenden Diederichs-Verlags haben sich daran nicht gestört – warum auch? Außer dem Nahostexperten Igal Avidan wird hier, neben allerlei esoterischer Fachliteratur, nämlich nicht zuletzt der notorische Antisemit Norman Finkelstein verlegt.

Wenn man sich allerdings auf historische Tatsachen einlässt (und außerdem bei Übersetzungen eher dem Oxford Dictionary denn dem antiisraelischen Ressentiment vertraut), dann stellt sich die Situation doch gänzlich anders dar. Denn der real existierende Judenstaat hält angesichts der fortwährenden Vernichtungsdrohungen und -versuche nichts von den neuen deutschen Tugenden des Pazifismus und der Wehrlosigkeit; er hält nichts vom demutsvollen Vertrauen auf willentlich willenlose Staatengemeinschaften. Während die errichteten Sperranlagen zu den Gebieten der palästinensischen „Selbstverwaltung“ Israel leidlich vor Selbstmordattentaten schützen und Teheran mit großem Vernichtungspotenzial nach einer „Welt ohne Zionismus“ strebt, fordert ganz Deutschland kirchentagskompatibel immer noch und zuallererst von Israel „ein bisschen Frieden“.

Ganz Deutschland? Nein: Wenigstens jemand wie Wiglaf Droste hat sich gänzlich unpazifistisch die rechten „Lehren der ’45er“ mit Blick durch Kimme und Korn einer 45er Magnum zusammengereimt: „Die andre Wange jesusmäßig hinhalten ist Quatsch mit Soße / In seine Feinde soll man Löcher machen, und zwar große.“ Doch solche vernünftigen Erwägungen sind, sofern es um das Selbstverteidigungsrecht des jüdischen Staates geht, in Deutschland mitnichten mehrheitsfähig.

Grassdeutsche

Mangelnde Mehrheitsfähigkeit ist dagegen nicht das Problem des Günter Grass und anderer Gesellen seines Schlages: Sie nämlich haben ganz andere Lehren aus 1945 gezogen. Das hat Gründe: Den Einmarsch der Alliierten empfanden sie, gleichwohl anderes behauptet wird, nicht als Befreiung, sondern als Niederlage. So trachteten sie zum Kriegsende recht verdrossen, die Runen der SS vom Mantel zu entfernen, um in amerikanischer Kriegsgefangenschaft sich als Mitläufer und irrlichternde Verführte dar- und verstellen zu können. Damit übten sich die prospektiven Vergangenheitsaufarbeiter schon früh in der Rolle des neuen, des unschuldigen Deutschen, ja des eigentlichen Opfers eines so tragischen Schicksals. Als wäre dieses hektische Nesteln am Mantel der eigenen Geschichte nicht Schande genug, sorgten sich die viel zu nachsichtig behandelten Grassdeutschen nach ’45 – ein bisschen Kontinuität wollte man sich allemal gönnen – unvermindert um die Juden und erklärten jene ungebeten zu „Freunden“, deren Endlösung sie nicht gänzlich vollbracht hatten.

Als viele Überlebende dieser neuen deutschen „Freundschaft“ jedoch nicht trauten und nach Tel Aviv und Jerusalem gingen, um selbstbestimmt und nicht auf fremder Länder Wohlwollen angewiesen ein jüdisches Refugium, einen eigenen Staat zu schaffen, da war dem derart gekränkten Narzissten Grass nichts „beschämender als die kritiklose Feigheit vor dem Freund“. Mutig transformierte er mit seinen alten Kameraden und neuen Genossen die alte Obsession – den rassistischen Antisemitismus – in eine neue: So ereignete sich die Geburt der „Israelkritik“ aus dem Geist der Täterschaft von Auschwitz. Denn mit der Vernichtung der europäischen Juden und ihrem durch die Alliierten erzwungenen Ende war der herkömmliche Antisemitismus zwar gänzlich unhaltbar geworden, doch wollte man von den Juden mitnichten lassen.

Nach der „Lösung der Judenfrage“ wurde deshalb die „Lösung der Israelfrage“ ein vordringliches nationales Projekt Deutschlands. Weil die zeitgenössischen „Israelkritiker“ nicht zugeben wollen, aber doch wohl ahnen, dass ihre „Kritik“ nichts als die transformierte und aktuell opportune Form des antijüdischen Ressentiments ist, mühen sie sich um die strenge begriffliche Scheidung von Antisemitismus – den man mit großem rhetorischen Aufwand ablehnt – und Antizionismus – dem man als einem von der Geschichte (noch) nicht desavouierten Begriff mit reinem Gewissen anhängen möchte. Doch haben diese „Kritiker“ Israels, die oft von akademischer Seite assistiert werden, mit ihrer Differenzierung so Unrecht; gibt es wirklich keinen nicht-antisemitischen Antizionismus?

(Selbst-) Aufklärung

Es gab ihn, und er hatte einst ehrenwerte Motive. Um seine „Lösung der Judenfrage“ gebeten, erklärt Thomas Mann 1907, er glaube „steif und fest, dass ein Exodus, wie die Zionisten von der strengen Observanz ihn träumen, ungefähr das größte Unglück bedeuten würde, das unserem Europa zustoßen könnte“. Ein Unglück für Europa zuvörderst. Mann verharrt keineswegs im Lamento über den „unentbehrlichen europäischen Kultur-Stimulus, der Judentum heißt“, also jenem Lamento, das nach Auschwitz zur gedenkpolitischen Phrase verkam. Er empört sich vielmehr in selten drastischer Weise über die Frage selbst, die ja die Infragestellung des Judentums implizierte. Über Juden „in irgendeinem feindseligen und aufsässigen Sinne zu diskutieren, scheint mir so roh und abgeschmackt, dass ich mich ungeeignet fühle, zu solcher Diskussion auch nur ein Wort beizusteuern.“ Dann setzt er fort: „Ich glaube, dass die ‚Judenfrage’ nicht gelöst werden wird, nicht von heute auf morgen, nicht durch Zauberwort, heiße es nun Assimilation, Zionismus oder wie auch immer, sondern dass sie sich selber lösen – sich wandeln, entwickeln, auflösen und eines Tages, der in unseren Gegenden nicht gar zu fern zu sein braucht, einfach nicht mehr existieren wird.“

Thomas Mann, der an gleicher Stelle demonstrativ herausstellt, er sei, „wenn auch sonst mit ganz zweifellosen Überzeugungen nicht sehr reich gesegnet, ein überzeugter und zweifelloser ‚Philosemit’“, ringt in dieser polemisch überhöhten Form jene antisemitischen Ressentiments nieder, von denen er selbst zeit seines Lebens nie ganz frei wurde, und mit denen auseinanderzusetzen ihm immer auch ein qualvoller Akt der Aufklärung als Selbstaufklärung blieb.

Als er die „Judenfrage“ zurückwies, ja vielmehr erhoffte, dass sie „im allgemeinen kulturellen Fortschritt“ schlicht nicht mehr gestellt werden würde, war die Shoa für vernunftgeleitete Menschen noch gänzlich jenseits des auch nur entfernt Vorstellbaren. Und doch ahnte Thomas Mann schon: Wenn der Zionismus durch das Fortwirken allein des herkömmlichen Antisemitismus als Lösung Dringlichkeit erhielte, so wäre dies nicht zuletzt deshalb „das größte Unglück, [...] das unserem Europa zustoßen könnte“, weil dann nämlich der Fortschrittsoptimismus sich als unbegründet erwiese und die überfällige „Zivilisierung Europas“ gescheitert wäre. Thomas Manns Ablehnung der zionistischen Lösung ist daher von der Furcht diktiert, die Zionisten würden mit ihrem Pessimismus bezüglich Europa Recht behalten. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass auf die allenthalben betriebene Erörterung der „Lösung der Judenfrage“ der Versuch einer „Endlösung der Judenfrage“ folgte.

So also antwortete Thomas Mann vor einhundert Jahren auf die „Judenfrage“, indem er sie erbost zurückwies. Inzwischen weiß man, wie gänzlich anders Günter Grass – jener deutscher Dichter, Denker und Nobelpreisträger, mit dem wir heute vorlieb zu nehmen haben – auf die „Israelfrage“ reagiert. Dafür ist er in Israel hinreichend unbeliebt und wurde er 1971 bei seinem zweiten Besuch im jüdischen Staat mit Tomaten beworfen. Derart von seinen „Freunden“ behandelt, besuchte Grass Israel nicht wieder. Doch das raubte ihm keineswegs die Motivation zum Kümmern und Bekümmern, wenn es um Juden geht – ist er doch der primus inter pares in der Volksgemeinschaft der Vergangenheitsaufarbeiter.

Wo sind die Antifaschisten?

Der amerikanische Historiker Jeffrey Herf, der den Deutschen bislang attestierte, ihre Vergangenheit geradezu „in beispielhafter Weise“ aufgearbeitet zu haben, konnte sich bei einem längeren Studienaufenthalt in Berlin 2007 nur wundern, dass hierzulande jedes Bewusstsein dafür fehlt, „dass einige der extremen Ideen der Dreißiger- und Vierzigerjahre in einer anderen Form weiterleben, nämlich im radikalen Islam“. Herf sieht darin das Unvermögen, aus der deutschen Vergangenheit die richtigen Schlüsse zu ziehen: „Offenbar ist es in Deutschland heute viel einfacher, über tote Juden zu reden als über lebende, die heute bedroht werden.“ Herf meint, jetzt zeige sich, „dass angesichts des Krieges im Irak, des Terrors radikaler Islamisten und der Gefahr einer iranischen Atombombe in Teilen der deutschen Öffentlichkeit die Gegnerschaft zu den USA und Israel ein beunruhigendes Übergewicht erlangt hat gegenüber der Fähigkeit, neue Formen des Antisemitismus, ja, sogar die mögliche Bedrohung Israels durch Massenvernichtungswaffen, zu erkennen und dagegen anzugehen“. Dass es aber weniger an der Fähigkeit, sondern vielmehr am Willen liegen könnte, dem Regime in Teheran in den Arm zu fallen, ja, dass es gewisse Schnittstellen zwischen der „Israelkritik“ europäischer Herkunft und den antiisraelischen Vernichtungsdrohungen islamischer Provenienz geben könnte, deutet Herf nur vage an. Nahezu verzweifelt ruft er in den neudeutschen Eichenwald: „Wo sind die Antifaschisten?“, und es schallt ihm kein Echo zurück. Herf kann sich diese Stille kaum erklären und resigniert: „Offenbar hat die Erinnerung an den Holocaust in Europa heute kaum einen Einfluss auf die Iranpolitik.“

Dass Europa und insbesondere Deutschland von einer „Lust am Einknicken“ gegenüber dem militanten Islam überwältigt sind und Israel damit de facto im Stich lassen, wie es Henryk M. Broder konstatierte, dass die freie Welt „wie paralysiert“ auf die Bedrohung durch den fundamentalistischen Islam reagiert und der Westen dabei gar nicht merkt, „wie sehr er sich selbst auflöst“, wie dies der deutsch-türkische Schriftsteller Zafer Senocak feststellte, bleibt unzureichend erklärt, solange nicht auf die kulturellen und politischen Verbindungen zwischen antimodernem Hass im Islam und antimodernem Selbsthass im Westen reflektiert wird, die im Ressentiment gegen Israel und die USA ihr gemeinsames Objekt der ebenso projektiven wie destruktiven Begierde finden. Broder befand einmal: „Weil die deutsche Psychose auf zwei Füßen steht, dem Antisemitismus und dem Antiamerikanismus, sind mal die Juden und mal die Amis dran.“ Diese Psychose ist aber keineswegs auf die autochthonen Deutschen beschränkt; sie ist Ausdruck des antiwestlichem Ressentiments überhaupt und findet sich quer durch die politischen Lager und die (multi-) kulturellen Milieus.

Wenn Feridun Zaimoglu in der taz die allmachtsfantasierende Formel „Bush regiert die Welt“ ausgibt, dann formuliert er den wahnhaften Grundkonsens zwischen der fortwesenden Vormoderne des Orients und der sich etablierenden Postmoderne des Okzidents. Zaimoglus in gleicher Rede vorgetragene Apologie des „Propheten Mohammed“, der ihm als die am meisten zu verehrende „historische Persönlichkeit“ gilt, wird dabei von seinem Publikum als ethnisch-kulturell legitimierte Wahrheit eines Deutschtürken weit eher goutiert als die aufgeklärte und islamkritische Haltung seines Kollegen und Antipoden Zafer Senocak. Und dass dem so ist, wirft ein Schlaglicht auf die Gegenaufklärung als eine dem Westen ganz und gar nicht äußerliche Erscheinung.

„Besondere Verantwortung“ ohne Konsequenzen

Im postnazistischen Deutschland ist das fortwährende Bemühen der politischen Eliten erkennbar, die antiwestliche und zuvörderst antiisraelische Ranküne herunterzuspielen und keinesfalls als Fortwirken jener Ideologie erscheinen zu lassen, die im Nationalsozialismus ihre vernichtende Praxis entfaltete. Offiziell hat sich darum ein cordon sanitaire der vergangenheitspolitisch korrekten Rede entwickelt, die in ihrem antifaschistischen und proisraelischen Duktus an Formelhaftigkeit und Symbolismus kaum zu überbieten ist. Der Tel Aviver Soziologe Natan Sznaider merkte schon 2005 aus Anlass der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der deutsch-israelischen Beziehungen an, dass einst die „moralische Rehabilitierung Deutschlands durch den Weg über Israel“ erfolgte: „Die Bundesrepublik brauchte Israels Anerkennung dringend. Das hatte nichts mit kollektiver Schuld zu tun, denn die besiegte Volksgemeinschaft war sich von Anfang an keiner Schuld bewusst. Die Niederlage war die eigentliche Schuld. Dadurch wurde die Anerkennung Deutschlands durch Israel zum Pfeiler der westdeutschen Diplomatie der nächsten Jahrzehnte. Wie konnte man den Rest Europas davon überzeugen, dass es keine Kontinuitäten zwischen Hitler- und Adenauerdeutschland gab? Der schnellste Weg nach Europa und in die NATO führte über Israel.“ Eben dies bestätigte einmal Joschka Fischer, als er die Bereitschaft Ben Gurions zu Verhandlungen mit Adenauer über Entschädigungszahlungen als „eine große Chance für unser Land“ bezeichnete. Und diese Chance wurde genutzt. Das aber ist Vergangenheit; Deutschland braucht Israel inzwischen nicht mehr. Gleichwohl die Rituale noch aufrechterhalten werden, so konstatiert Sznaider, hat der Abkopplungsprozess längst begonnen.

Natürlich wurde zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels noch einmal das eingeübte Wohlverhalten präsentiert: Es war von Freundschaft und „besonderer“ Verantwortung Deutschlands für Israel die Rede, vom gelungenen christlich-jüdischen Dialog (gern auch als Modell für den christlich-islamischen Dialog empfohlen), vom intakten diplomatischen, kulturellen und wirtschaftlichen Austausch. Es war die übliche Demonstration der hohlen Phrasen, wie schon 2005, als der damalige deutsche Außenminister die seitdem gültige Blaupause für staatstragende Bekundungen zur deutschen Israel-Politik lieferte: „Deutschland unterstützt vorbehaltlos das Existenzrecht Israels. Wir bekennen uns zu dem Recht der Bürgerinnen und Bürger Israels, in sicheren Grenzen und in Frieden mit ihren Nachbarn und frei von Angst vor Terror und Gewalt zu leben. Dieses Bekenntnis zu Israel gilt uneingeschränkt und bedingungslos, es ist mit niemandem verhandelbar und bildet die Grundlage für das besondere Verhältnis unserer beiden Länder. Es ist ein Grundpfeiler deutscher Außenpolitik, und das wird so bleiben.“

Auch Angela Merkel hatte in ihrer Rede vor dem israelischen Parlament, der Knesset, nur das Gleiche, wenn auch anders formuliert, zu verkünden: „Jede Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar. Und wenn das so ist, dann dürfen das in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben. Deutschland setzt gemeinsam mit seinen Partnern auf eine diplomatische Lösung.“

Der Unterschied zwischen Fischer und Merkel ist jener: Der grüne Außenminister hielt es – so kann man an Natan Sznaider anschließen – zum Ende der Neuformierung der deutschen Außenpolitik unter Rot-Grün noch für geboten, eine besondere und gleichzeitig gefahr- und folgenlose Nähe zu Israel zu bekunden. Die heutige Bundeskanzlerin aber hatte dies schon nicht mehr nötig; die deutsche Außenpolitik hat sich als in jeder Hinsicht souverän erwiesen – souverän auch gegenüber geschichtspolitischen Rücksichtnahmen. Stellt man die daher anachronistisch anmutenden Bekundungen Merkels gegen Volkes Stimme, so wird ein drastischer Widerspruch offenbar. Im Auftrag des ZDF fand die Forschungsgruppe Wahlen zum 60. Geburtstag Israels heraus, dass mehr als die Hälfte der Deutschen keinerlei Verantwortung der Bundesrepublik gegenüber Israel mehr sehen; bei den 30- bis 39-Jährigen sind es sogar zwei Drittel. Nach der Rede der Bundeskanzlerin vor der Knesset wurde öffentlich darüber spekuliert, wie Deutschland sich im Falle eines Angriffs auf Israel verhalten würde. Die Kanzlerin selbst hatte angekündigt, dass es „in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte geben“ dürfe, um sofort klarzustellen, was daraus zu folgern sei: „Deutschland setzt gemeinsam mit seinen Partnern auf eine diplomatische Lösung.“ Ein Drittel der Deutschen, so besagte Umfrage, lehnt im Kriegsfall jede politische Unterstützung für Israel ab; nur ein gutes Drittel würde finanzieller Hilfe zustimmen, und gerade einmal 13 Prozent würden dem jüdischen Staat mit Waffen oder sogar eigenen Soldaten zur Seite stehen wollen.

Appeasement statt ultima ratio

Vielleicht war der 60. Geburtstag Israels daher ja auch der letzte Anlass, sich staatsoffiziell in Deutschland zu Israel bekennen zu müssen. Denn damit lassen sich die deutschen Wähler kaum begeistern. Zwar klingen manche Politiker an Tagen inszenierter Treueschwüre noch wie die Speerspitze der Pro-Israel-Lobby in Deutschland. Doch schon heute sind die Erfolge einer solchen Lobby ausschließlich ex negativo zu bestimmen: Während Teheran sein Atomprogramm zur Vorbereitung einer neuerlichen Judenvernichtung vorantreibt und die Mullahs keinerlei Hehl aus ihrem Ansinnen einer World without Zionism machen, betreibt die Bundesregierung pazifistische Symbolpolitik: Da ist beispielsweise Steinmeiers zur Stillstellung Israels geäußerte Behauptung, man müsse „alles tun, um eine iranische atomare Bewaffnung zu verhindern“ – eine Behauptung, die sich sogleich als Floskel erweist. Denn „alles“ bedeutet bei Steinmeier eben „alles“ außer dem Notwendigen: den Mullahs nämlich deutlich zu machen, dass ihr ersehnter best case, die Atomisierung Tel Avivs durch iranische Bomben, im politischen worst case durch einen präventiven Militärschlag gegen das iranische Regime verhindert werden muss. Tatsächlich jedoch beruhigt der deutsche Außenminister Teheran, und wenigstens die Mullahs können ihn beim Wort nehmen, wenn er versichert, „alles, aber auch wirklich alles zu tun, um diesen Konflikt mit friedlichen Mitteln zu lösen“, weil jedes militärische Eingreifen „unabsehbare Folgen“ habe. Damit wird auf jenen „Aggressor“ angespielt, dem Deutschland zuvörderst in den Arm zu fallen trachtet. Und das ist ganz sicher nicht der Iran.

Nicht einmal eine kleine Minderheit in der Bundesregierung oder dem Parlament ist zu erkennen, die eine entschiedenere Position gegenüber Teheran vertritt und als ultima ratio die militärische Option nicht gänzlich auszuschließen bereit ist. Auch das christdemokratische Lager ist praktisch auf Steinmeiers Linie. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag etwa, Ruprecht Polenz, warnte die Vereinigten Staaten eindringlich vor militärischen Aktionen gegen den Iran: „Das würde zu einer nicht mehr kontrollierbaren Kettenreaktion führen und die Gewalt dramatisch eskalieren lassen.“ Selbst „chirurgische Operationen“ des US-Militärs gegen iranische Ziele lehnt Polenz kategorisch ab; diese könnten die Sicherheit und Stabilität in der ganzen Welt gefährden, vermutet er. Wer so redet, nimmt de facto die Vernichtung Israels in Kauf, der fürchtet sich eher vor Aktionen des amerikanischen denn vor solchen des iranischen Militärs. Offen zu bekunden, dass ein Ende des jüdischen Staates den Nahen Osten tatsächlich in ganz perfider Art „befrieden“ würde, verbietet die politische Raison im Bundestag oder aber – was wahrscheinlicher ist – die Angst, den eigenen pazifistischen Gedanken bis zur letzten Konsequenz zu Ende zu denken. Diese Art der Trägheit der Vernunft hat wenig mit Faulheit oder mangelndem Denkvermögen, aber viel mit der psychologischen Disposition der postnazistischen Deutschen zu tun, denen die Israels Existenz – wenn auch uneingestanden – ein Dorn im Auge, ja, ein steter Verweis auf das Ausmaß des antisemitischen deutschen Wahns ist. Eben darum wird den eigenen Wiedergängern nicht in den Arm gefallen.

In diesem Licht betrachtet, markiert der 60. Geburtstag des jüdischen Staates den jüngsten, aber sicher nicht den letzten Höhe- respektive Tiefpunkt des deutsch-israelischen Verhältnisses. Die offiziellen und offiziösen Bekundungen der Bundesrepublik stellen zwar die bereits gewohnte Mischung aus Täuschung und Selbsttäuschung dar – man suggeriert Israel eine unverbrüchliche freundschaftliche Verbundenheit, legitimiert damit sogleich allerlei Ermahnungen und wohlfeile „Kritik“ und attestiert sich selbst, es bei alledem ausgesprochen gut zu meinen. Dort aber, wo die diplomatischen Zurückhaltungen weitestgehend erodieren konnten – also in Talkshows und Dokumentationen, im Radio und Fernsehen, in Zeitungskolumnen und offenen Briefen voller giftiger „Glückwünsche und Sorgen“ –, wird dem Jubilar recht übel mitgespielt, wird ein ganzes Konvolut an Vorwürfen, Unterstellungen und Untergangsprognosen geschnürt, getreu dem Motto: Einen Glückwunsch für Israel? Nein: Das Land sieht doch elend aus, macht es wohl nicht mehr lang und ist daran auch noch selbst schuld.

Verwendete Literatur:
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Igal Avidan: Israel. Ein Staat sucht sich selbst, Diederichs-Verlag, 2008
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Henryk M. Broder: Hurra, wir kapitulieren!, wjs Verlag, Berlin 2006
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Wiglaf Droste: Nutzt gar nichts, es ist Liebe. Gedichte, Reclam Leipzig, 2005
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Günter Grass: Essays und Reden, Band I bis III, Steidl Verlag, Göttingen 2003
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Thomas Mann: Essays I 1893-1914, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2002

Verwendete Artikel und Essays:
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Joschka Fischer: Eine große Chance für unser Land. 40 erfolgreiche Jahre deutsch-israelische Beziehungen, in: Das Parlament, 11. April 2005
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Angela Merkel: Die Sicherheit Israels ist niemals verhandelbar. Rede der Bundeskanzlerin vor dem israelischen Parlament, in: Handelsblatt, 18. März 2008
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Jeffrey Herf: Wo sind die Antifaschisten?, in: Welt am Sonntag, 2. Dezember 2007
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Jeffrey Herf et al.: Die Amerikaner wissen, was Krieg bedeutet, in: Die Welt, 29. Dezember 2007
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Hans Monath: Für den Frieden alles, wirklich alles tun, in: Der Tagesspiegel, 8. November 2007
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Ruprecht Polenz: Angela Merkel drückt sich nicht, in: Der Tagesspiegel, 28. Oktober 2007
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Zafer Senocak: Der Terror kommt aus dem Herzen des Islam, in: Die Welt, 29. Dezember 2007
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Natan Szainder: 40 Jahre deutsch-israelische Beziehungen und ihre Instrumentalisierung: Die wirkliche Befreiung, in: Die Welt, 7. Mai 2005
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Feridun Zaimoglu: Ich will mich bessern, ehrlich, in: taz, 31. Dezember 2007

Zu den Bildern (von oben nach unten, © Lizas Welt): (1) Eigenkreation, bestehend aus einem T-Shirt, einer Sonnenbrille und einer israelischen Fahne. (2) Aufgenommen während der Yom HaAtzmaut-Feiern in Jerusalem am 7. Mai 2008. (3) Einer der Azrieli-Towers in Tel Aviv. (4) Plakat zum 60. Geburtstag Israels, aufgenommen in Jerusalem.

27.4.08

Le Chaim, Israel!

Als sich am 14. Mai 1948 der Nationalrat in Tel Aviv zu seiner vierten Sitzung traf, rief David Ben Gurion als Oberhaupt der provisorischen Staatsregierung in Übereinstimmung mit dem UN-Teilungsplan die Gründung des Staates Israel aus. Es dauerte nur wenige Stunden, bis die Armeen von fünf arabischen Staaten das Land angriffen und es in seinen ersten Verteidigungskrieg zwangen, in dem es seine waffenstarrenden Gegner zurückschlug. In Israel wird der Unabhängigkeitstag, der Yom HaAtzmaut, jeweils am 5. Iyar des jüdischen Kalenders gefeiert; just in diesem Jahr, zum sechzigsten Jubiläum des jüdischen Staates, fällt er passenderweise auch noch mit dem Jahrestag der Kapitulation des Nationalsozialismus zusammen.

Lizas Welt wird die nächsten gut zwei Wochen in Israel verbringen und sich dabei auf dem Golan an einem Gläschen Yarden-Wein erfreuen, im Negev die Grabstätte Ben Gurions besuchen und bei den Gedenkfeierlichkeiten zum Yom HaShoah in Yad Vashem sein. Und am 8. Mai natürlich gemeinsam mit vielen anderen den runden Geburtstag Israels in der israelischen Hauptstadt Jerusalem feiern. Daher wird erst am 14. Mai auf diesem Weblog wieder ein neuer Beitrag erscheinen. Bis dahin sei vor allem auf die Internationalen Iran-Konferenzen des Mideast Freedom Forums in Berlin und von Stop the Bomb in Wien aufmerksam gemacht sowie darüber hinaus auf die zahlreichen Veranstaltungen zum Israel-Tag hierzulande.

Bis bald, Lehit und Le Chaim!

26.4.08

Die Sorgen der „Israelkritiker“

Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis, und wenn deutsche Intellektuelle eine ähnliche Gemütsregung heimsucht, schreiben sie ein Manifest. Das Ergebnis ist in beiden Fällen das gleiche: eine Bruchlandung nämlich. Im November 2006 hatten 25 Politologen ein antiisraelisches Pamphlet mit dem Titel „Freundschaft und Kritik“ veröffentlicht, in dem sie dem jüdischen Staat unter anderem vorwarfen, zwecks Unterdrückung der Palästinenser den Holocaust zu instrumentalisieren, weshalb „die ‚besonderen Beziehungen’ zwischen Deutschland und Israel“ schleunigst „überdacht werden“ müssten. Außer vernehmlichem Applaus für dieses abstoßende Traktat gab es auch ein paar Buhrufe; einer davon stammte von Micha Brumlik, weshalb sich zwei der Manifest-Autoren, Reiner Bernstein und Gert Krell, mit ihm erst ins Benehmen setzten und dann eine weitere Abhandlung verfassten. Die heißt „Glückwünsche und Sorgen“, soll „eine Erklärung zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels“ sein und „einen völlig neuen Ansatz“ verfolgen, glaubt man der Frankfurter Rundschau, die dieses Papier kürzlich druckte, nachdem sie bereits dem Politologen-Manifest ein Plätzchen gewährt hatte. Achtzehn weitere Unterzeichner schlossen sich den „Glückwünschen und Sorgen“ an, darunter Daniel Cohn-Bendit, Hajo Funke, Hanno Loewy, Claudia Roth und Johano Strasser.

Worin der „völlig neue Ansatz“ bestehen soll, bleibt allerdings gänzlich unklar. Zwar vermeidet es das Elaborat, einige der gröbsten Ausfälle von „Freundschaft und Kritik“ zu wiederholen; die hierzulande so überaus populäre „Israelkritik“ kommt ansonsten jedoch allenfalls geringfügig modifiziert daher. Dem widerspricht auch nicht, dass man sich zu Beginn ein paar Glückwunschfloskeln abringt: Israel zum 60. Geburtstag zu gratulieren, sei „nicht nur ein Gebot der Höflichkeit“, heißt es da; man respektiere und bewundere außerdem „die Aufbauleistungen, die kulturelle Vielfalt, die wissenschaftlich-technischen Erfolge, die intellektuelle Produktivität und den demokratisch organisierten Pluralismus“, versichern die Verfasser so eilends wie pflichtschuldig, bevor sie ohne weiteres Federlesens auf das Eigentliche, nämlich ihre „großen Sorgen“, zu sprechen kommen. Israels Bevölkerung genieße schließlich „bis heute nicht jene Sicherheit, die sich Theodor Herzl und andere von einer nationalstaatlichen Souveränität als Lösung der ‚jüdischen Frage’ (die ja in erster Linie eine Frage der Nichtjuden war) erhofft hatten; eine Forderung, die sich nach der Shoah dringlicher denn je stellte“.

Und warum die Israelis nicht in Sicherheit leben können, nachdem die Nazis die „Lösung der ‚jüdischen Frage’“ zur Endlösung der Judenfrage gemacht und also mit vernichtender Konsequenz bewiesen hatten, dass das Ganze nicht „in erster Linie eine Frage der Nichtjuden“ war, sondern vollständig eine der Antisemiten; warum die Juden also nicht einmal in ihrem eigenen Land Ruhe haben, das wissen die darüber angeblich so Bekümmerten ganz genau: Sie tragen letztlich selbst die Schuld. Schließlich sind doch „die Kernpunkte für eine Lösung des zentralen Konflikts mit den Palästinensern international im Wesentlichen erkannt“ und hat „der größte Teil der arabisch bzw. islamisch geprägten Staaten inzwischen seine Bereitschaft signalisiert, sich mit Israel zu arrangieren oder sogar auszusöhnen“. Was die Verfasser mit „Kernpunkten“ meinen, ist dabei unschwer zu erraten – die Besatzung natürlich –, wohingegen man schon gerne erführe, worauf sich eigentlich die Ansicht stützt, „der größte Teil der arabisch bzw. islamisch geprägten Staaten“ zeige sich kompromissbereit. Allein: Die Belege für diese überaus gewagte These fehlen in Gänze.

Das ist kein Zufall. Denn Bernstein, Brumlik, Krell und ihre Unterstützer sehen im israelischen Handeln die Ursache nahezu allen Übels. „Verbaut“ erscheint ihnen „der Weg zum Frieden im Rahmen einer Zweistaatenregelung“: „Verbaut im buchstäblichen Sinne durch ein schier unaufhaltsames Wachstum der Siedlungen und den Verlauf der so genannten Trennungsmauern in der Westbank und in Ost-Jerusalem“ – wobei zum einen der Gaza-Abzug aus Sicht der Autoren offenbar keine Rolle spielt und zum anderen die Tatsache, dass der Sperrzaun nachweislich die Sicherheit von Israels Bürgern vor Selbstmordattentaten deutlich verbessert hat, augenscheinlich vernachlässigt werden kann. „Verbaut aber auch im übertragenen Sinne durch Strategien gewaltsamer Vergeltung auf beiden Seiten, durch einen dramatischen wechselseitigen Vertrauensverlust, durch einen wachsenden politisierten religiösen Fundamentalismus, der sich jeglichen Kompromissen versagen will, und schließlich durch die geringen internen Handlungsspielräume, die die innenpolitischen Gegner eines Friedensprozesses, der diesen Namen verdient, den Verhandlungspartnern lassen.“ Was sich da so staatsmännisch und ausgleichend gibt, ist bloß die handelsübliche Äquidistanz: Israels Selbstverteidigung gegen die Hamas, den Islamischen Djihad und andere Mordgesellen wird mit den Terrorangriffen dieser Banden auf eine Stufe gestellt, zu einem „wechselseitigen Vertrauensverlust“ und einem „politisierten religiösen Fundamentalismus“ eingeschmolzen und somit de facto in Abrede gestellt.

Und das mit Absicht: „60 Jahre Staat Israel, das sind seit 1967 auch über vierzig Jahre Besetzung arabischer Territorien.“ Damit gefährde der jüdische Staat „auf Dauer möglicherweise sogar seine Existenz“, halte „die Welt zum Narren“ und merke – im Gegensatz zu seinen schwer besorgten Freunden natürlich – außerdem nicht, „dass es sich damit selbst betrügt“. Denn: „Die Besetzung verletzt Tag für Tag die Menschenrechte der Palästinenser und ihr Recht auf Selbstbestimmung und schadet damit auch der rechtsstaatlichen und der moralischen Integrität Israels.“ Welcher Schaden Israel regelmäßig entsteht, wenn die Palästinenser ganz menschenrechtlich, selbstbestimmt, rechtsstaatlich und moralisch integer Raketen abfeuern, davon ist in diesem vermeintlichen Geburtstagsständchen nicht die Rede. Und dass die vollständige Aufgabe der umstrittenen Gebiete dem jüdischen Staat vielleicht ein paar Sympathiepunkte bei notorischen deutschen Friedensfreunden verschaffen, nicht aber seine Sicherheit erhöhen würde, kommt den Gratulanten ebenfalls nicht in den Sinn.

Stattdessen glänzen sie mit wahrlich profunden historischen Kenntnissen: „Die Konflikte zwischen Juden und Arabern in Palästina während der britischen Mandatszeit mündeten in den Bürger- und dann Staatenkrieg von 1947-49“, schreiben sie weiter. Dort steht tatsächlich allen Ernstes und ganz unschuldig „mündeten“, so, als ob es die Ablehnung des UN-Teilungsplans durch die arabischen Staaten nie gegeben hätte; so, als ob letztere nicht den soeben ausgerufenen Staat Israel angegriffen und ihn damit zur Verteidigung gezwungen hätten – was durch den alles einebnenden Terminus „Bürger- und Staatenkrieg“ zusätzlich vernebelt wird. Aber das ist noch nicht alles, denn auch den „Narrativ“ von der „Nakba“ wissen die Verfasser formvollendet zu orchestrieren: „Die Gründung des Staates Israel war eine Geburt in Flammen. Für die arabischen Bewohner führten Krieg und Niederlage in die ‚Katastrophe’ aus Flucht und Vertreibung von 750.000 Menschen.“ Was die Schaffung des jüdischen Staates für die Juden bedeutete, ist da 60 Jahre später nicht weiter der Rede wert, genauso wenig wie die Vertreibung von rund 800.000 Juden aus den arabischen Staaten nach 1945.

Dafür heben die Autoren jedoch umso deutlicher hervor, „dass der staatsbildende Zionismus, der aus internen Problemen Europas hervorgegangen und dort entstanden ist, auf die Zustimmung seiner arabischen Nachbarn angewiesen bleibt“. Man muss diesen Satz noch einmal lesen, um seine ganze Dimension zu erfassen: Der „staatsbildende Zionismus“ – also jene auf Herzl zurückgehende Idee, die erst nach der Vernichtung der europäischen Juden Wirklichkeit wurde – ist „aus internen Problemen Europas hervorgegangen und dort entstanden“. Euphemistischer und damit dreister hat selten jemand die Shoah umschrieben, und die Botschaft lautet deshalb, wie schon beim Manifest „Freundschaft und Kritik“: Irgendwo sind die Palästinenser doch auch Opfer des Holocausts, weshalb man wenigstens ihre „Zustimmung“ einholen müsse. Wie das geht? Mit dem altbekannten Rezept aus dem Kochbuch des Antizionismus: „Nur durch die grundsätzliche Zurücknahme der Siedlungen in der Westbank, durch die Schaffung eines unabhängigen und entwicklungsfähigen Staates Palästina, durch die Etablierung Jerusalems als Doppelhauptstadt zweier nationaler Souveränitäten sowie durch eine abschließende Regelung für die palästinensischen Flüchtlinge besteht Aussicht auf einen Frieden, der Gewalt und Terror die Legitimationsgrundlage entzieht und sie so dauerhaft überwindet.“

Und da besteht Hoffnung, glaubt man Bernstein, Brumlik, Krell und ihrer Gefolgschaft: „Diese Einsicht ist unter Israelis und Palästinensern inzwischen weit verbreitet.“ Deshalb wohl haben letztere zu Beginn des Jahres 2006 auch mehrheitlich die Hamas gewählt, denn die setzt sich bekanntlich besonders nachdrücklich für die genannten Ziele ein. Dennoch scheint es den Schöpfern der „Erklärung zum 60. Jahrestags der Staatsgründung Israels“, als seien Israelis wie Palästinenser „ohne nachhaltige Hilfe von außen nicht oder nicht mehr in der Lage“, friedlich miteinander umzugehen. Also müssten sich „Politik und Öffentlichkeit in Deutschland“ stärker einmischen und dabei „generell die unabweisbaren Verpflichtungen, die sich aus der historischen Verantwortung für das jüdische Volk ergeben, deutlicher von der politischen Analyse und einer auf Frieden gerichteten Politik in der Region unterscheiden“. Mit anderen Worten: Auschwitz war gestern, heute ist „Israelkritik“. Und die ist natürlich schwer konstruktiv, denn „nach unserer Auffassung bleiben die von allen Bundesregierungen permanent beschworenen besonderen Beziehungen zu Israel hohle Rhetorik, wenn sie keine politischen Konsequenzen nach sich ziehen.“

Damit ist nun aber nicht etwa gemeint, die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zum Iran abzubrechen, die Zahlungen an die Palästinenser einzustellen (weil sie ohnehin bloß für weitere Waffenbeschaffungen verwendet werden) oder die Forderung nach einer Entwaffnung der Hamas, der Fatah, des Islamischen Djihad und der Hizbollah zu bekräftigen – ganz im Gegenteil: „Dazu gehört mehr als die regierungsamtliche Beteiligung an umfangreichen Finanztransfers an die Palästinensische Autonomiebehörde, beim Aufbau wirtschaftlicher, administrativer und polizeilich-exekutiver Infrastrukturen und am Krisen-Management in akuten Fällen.“ Nämlich dies: „Deutschland sollte gemeinsam mit den anderen Staaten in der Europäischen Union eine friedenspolitische Führungsrolle übernehmen“ und sich „im Rahmen der EU oder der Vereinten Nationen auf weitere und umfangreichere Aktivitäten im Bereich der Vermittlung und der Friedenssicherung einstellen“. Was diese „friedenspolitische Führungsrolle“ und die „Friedenssicherung“ inhaltlich bedeuten sollen, wird dabei gar nicht verhehlt: „Grundsätzlich heißt das [...], nicht nur bewaffnete Angriffe und die Infragestellung des Existenzrechts Israels von palästinensischer (oder anderer arabischer bzw. islamischer) Seite zu verurteilen, sondern auch zu einzelnen Aspekten der israelischen Politik nachdrücklich auf Distanz zu gehen.“

Auf Äquidistanz eben – denn eine nachdrückliche Unterstützung des israelischen Rechts auf Selbstverteidigung kommt selbstverständlich nicht in Frage, nicht einmal zum Geburtstag: „Auch im Jubiläumsjahr darf die deutsche Politik den Zusammenhang zwischen der extrem schwierigen wirtschaftlichen und politischen Lage der Palästinenser auf der einen und der Unsicherheit und Bedrohung Israels auf der anderen Seite nicht aus den Augen verlieren.“ Der „Zusammenhang“, der hier behauptet wird, lässt sich auf die so beliebte wie falsche Formel bringen: Besatzung + Armut = Terror. Denn verantwortlich für ihr Tun dürfen die Palästinenser einfach nicht sein; wenn sie Raketen auf Sderot abfeuern, Selbstmordattentäter ausbilden und losschicken und dem jüdischen Staat nichts weniger als den Untergang wünschen, ist das halt so ihre Art, auf Unterdrückung, Hunger, Stromausfall und nicht abgeholten Müll zu reagieren. Und wenn „die deutsche Politik“ das nur endlich erkennt, wird alles gut: „Umso wirksamer kann die Bundesregierung nach außen den Anfeindungen einiger arabisch bzw. islamisch geprägter Länder entschieden entgegentreten. [...] Und umso wirksamer kann die Bundesregierung nach innen einem teilweise dramatischen Niedergang des israelischen Ansehens in der Bevölkerung begegnen.“ Kurz: Ein bisschen mehr „Israelkritik“ in Theorie und Praxis – schon hätten die Antisemiten aller Länder ein Einsehen und würden hier nicht mehr behaupten, die Israelis verführen mit den Palästinensern wie dereinst die Nazis mit den Juden, und dort aber sowas von subito ihre Vernichtungspläne ad acta legen.

So schlicht geht es zu im Oberstübchen deutscher Intellektueller, die am Schluss ihrer Erklärung rasch noch ein bisschen vor einer „kollektiven Dämonisierung oder gar Dehumanisierung des jüdischen Volkes in Israel“ und zum Ausgleich gleich auch vor „radikaler Islamkritik“ respektive „Islamophobie“ warnen, bevor sie den „Friedensgruppen“ salbungsvoll mit auf den Weg geben, nicht immer nur „die innerisraelische Kritik an der eigenen Politik“ zu „spiegeln“ – sich also nicht ständig bloß auf jüdische Kronzeugen zu stützen –, sondern auch „ihre Partner auf beiden Seiten des Konflikts zu Schritten des Ausgleichs [zu] ermutigen und sie politisch wie praktisch [zu] unterstützen“. Nach so vielen ungezügelten moralisch-pädagogischen Impulsen folgt dann noch der finale Hinweis: „Diese Unterstützung wird nur wirksam sein, wenn sie dabei ihre moralisch-pädagogischen Impulse zügeln.“ Das allerdings dürfte noch schwerer sein, als den Nahostkonflikt zu lösen. Oder einen Esel ohne Bruchlandung wieder vom Eis zu holen.

22.4.08

Alle Mullah außer Vati

Folgt man der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, dann ist sowohl die Situation im Iran als auch die Gefahr, die außenpolitisch von ihm ausgeht, eigentlich bloß halb so wild. Schon vor knapp vier Jahren vermeldete sie in der Süddeutschen Zeitung nachgerade elementare Menschenrechtsfortschritte im Land der Mullahs: Zum einen würden dort des vorehelichen Geschlechtsverkehrs bezichtigte sechzehnjährige Mädchen nun nicht mehr gesteinigt, sondern nur noch erhängt – was nicht näher bezeichnete „iranische Menschenrechtler“ laut Amirpur (Foto) für „einen Schritt in die richtige Richtung“ hielten, weil sich darin eine „Abkehr vom angeblich unflexiblen Korsett des islamischen Rechts“ zeige. Zum anderen sei „das offizielle Heiratsalter nach zähem Ringen zwischen Reformern und Konservativen von neun auf zehn Jahre erhöht worden“. Ein glanzvoller Sieg der Humanität also, schwer und womöglich verlustreich erkämpft von den besagten „Reformern“, die im Westen bekanntlich so sehr geschätzt werden. Und in der Tat könnte doch alles viel schlimmer sein – die Mullahs hätten schließlich auch das Teeren und Federn für vor- und außereheliche Liebesakte befehligen und die Kurzen schon im Kindergartenalter unter die Haube bringen können.

Im gleichen Blatt verkündete die Iranistin unlängst eine weitere gute Nachricht: Mahmud Ahmadinedjad habe gar nicht, wie immer wieder kolportiert werde, die Vernichtung Israels gefordert, sondern lediglich geäußert, das „Besatzerregime“ in Israel müsse „Geschichte werden“; er habe also nicht zum Vernichtungskrieg aufgerufen, sondern nur dafür plädiert, „die Besatzung Jerusalems zu beenden“. Man darf sich deshalb erleichtert zurücklehnen: Der iranische Präsident ist kein Antisemit, sondern bloß ein ganz normaler „Israelkritiker“, so wie auch die von Ahmadinedjad und seiner Gefolgschaft finanzierten Musterdemokraten der Hamas und der Hizbollah in Wahrheit gar nicht den jüdischen Staat von der Landkarte tilgen, sondern nur mit ein paar harmlosen Raketen und Selbstmordattentätern ihrer Besorgnis über die israelische Besatzung ein bisschen Nachdruck verleihen wollen. Na gut, Ahmadinedjad ließ den angeblichen Übersetzungsfehler auch auf Nachfrage bestehen, wie Katajun Amirpur am Schluss ihres akribisch recherchierten Freispruchs einräumt. Aber Schweigen ist ja bekanntlich Gold.

Im Ernst: Die Vernichtungsabsichten der Mullahs gegenüber Israel mit einer solchen hemdsärmeligen und im Übrigen höchst umstrittenen Beweisführung dementieren zu wollen, ist je nach Intention dieser Übung entweder grenzenlos naiv, eine dreiste Verharmlosung oder gleich die bekennende Solidarisierung mit dem Terrorregime in Teheran – wobei alle drei Möglichkeiten letztlich auf das Gleiche hinauslaufen. Henryk M. Broder brachte Sinn und Unsinn dieser Übung mit einem historischen Vergleich auf den Punkt: „Der ‚Führerbefehl’ zur Endlösung der Juden- und Zigeunerfrage ist bis heute nicht gefunden worden. [Hitler] hat nur dazu aufgerufen, die Welt von den Juden zu befreien. Von Vernichtung war keine Rede. So wie Ahmadinedjad sich heute eine ‚World without Zionism’ wünscht.“ Über Katajun Amirpur urteilte er deshalb: „Sie hat sich darauf spezialisiert, die verlorene Ehre des Mullah-Regimes wiederherzustellen.“ Und das sei sozusagen ein Familienanliegen, denn Mahmud Ahmadinedjad sei „ein guter alter Bekannter ihres Vaters“.

Wegen dieses Nebensatzes ließ Amirpur dem Publizisten nun über ihren Anwalt die Aufforderung zukommen, eine Unterlassungserklärung abzugeben. Der Vater der Islamwissenschaftlerin habe nie Kontakt zum derzeitigen iranischen Präsidenten gehabt, weshalb von einer guten Bekanntschaft keine Rede sein könne, heißt es in dem Schreiben; Broders Absicht sei es daher, den Eindruck zu erwecken, Katajun Amirpur habe gute Gründe für eine Reinwaschung Ahmadinedjads. Das jedoch verfälsche ihr „Lebensbild“, weshalb Broder sich verpflichten soll, die beanstandete Aussage künftig nicht mehr zu treffen und außerdem Amirpurs bislang entstandene Rechtsanwaltskosten zu zahlen.

In der Tat ist es fraglich, ob Manutschehr Amirpur-Arandjani eine enge Verbindung zum iranischen Präsidenten pflegt oder nicht. Im Online-Lexikon Wikipedia war eine Zeit lang zu lesen, er sei Kulturattaché sowohl unter dem Schah als auch unter dem Ayatollah Khomeini gewesen; diese biografische Angabe ist inzwischen entfernt worden, sie findet sich allerdings noch auf diversen anderen Websites. Zudem hat Amirpur-Arandjani 1986 das Buch „Der Koran im Islam“ übersetzt und 2000 ein „Wörterbuch der Islamwissenschaft“ veröffentlicht – beides für die Kulturabteilung der iranischen Botschaft in Deutschland. Ein Oppositioneller ist er also gewiss nicht; inwieweit er darüber hinaus Mahmud Ahmadinedjad verbunden war oder ist, lässt sich nicht nachweisen.

Letztlich ist die Klärung dieser Frage für eine Einschätzung des Wirkens von Katajun Amirpur jedoch genauso bedeutungslos wie die Wortklauberei in Bezug auf das Ahmadinedjad-Zitat für eine Bewertung des iranischen Präsidenten. Gleich, ob Amirpurs Vater nun dessen Vertrauter ist oder nicht – das publizistische Schaffen seiner Tochter bietet genügend Material, um Broders Urteil, sie habe „sich darauf spezialisiert, die verlorene Ehre des Mullah-Regimes wiederherzustellen“, hinreichend plausibel zu machen. Von einer Verfälschung des „Lebensbildes“ der Islamwissenschaftlerin kann jedenfalls keine Rede sein; schließlich ist sie es selbst, die die Vernichtungspläne der Teheraner Theokraten gegenüber Israel schlicht leugnet und es allen Ernstes für ein positives Zeichen hält, wenn vor- oder außerehelicher Sex nicht mehr mit Steinigung, sondern dem Erhängen bestraft wird und Kinder jetzt ein zweistelliges Alter aufweisen müssen, bevor man sie zwangsverheiratet.

Der Krieg, den Katajun Amirpur da um jeden Preis verhindern will, ist übrigens seit Jahren in vollem Gange: Die Mullahs führen ihn innenpolitisch gegen die eigene Bevölkerung und außenpolitisch über ihre Vorfeldterrorgruppen Hizbollah und Hamas gegen Israel. Man kann es nicht einmal mehr Appeasement nennen, was die promovierte Koranexegetin betreibt – es ist eine Form von Kollaboration. Leider ist das hierzulande nicht strafbar – ansonsten könnte man glatt versucht sein, sie eine Unterlassungserklärung unterschreiben zu lassen.

21.4.08

Nem kérünk a Nácikbol!

Schon seit längerer Zeit terrorisieren ungarische Neonazis vor allem in Budapest immer wieder Menschen, die nicht in ihr extrem beschränktes Weltbild passen. Doch inzwischen regt sich organisierter Widerstand dagegen. Karl Pfeifer schildert im folgenden Gastbeitrag für Lizas Welt, was sich in jüngster Zeit in der Hauptstadt Ungarns zutrug, und er hat darüber hinaus einen in der Zeitschrift Szombat erschienenen Bericht des Journalisten János Gadó über die erste von zwei antifaschistischen Demonstrationen aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzt.

Von Karl Pfeifer, 13. April 2008

Die ganze Affäre begann am 20. März dieses Jahres, als eine junge Frau im Kartenbüro Broadway in der Hollán-Ernö-Straße im XIII. Budapester Bezirk zehn Tickets für das Konzert der rechtsradikalen Band Hungarica kaufen wollte. Vom anschließenden Geschehen existieren zwei verschiedene Versionen: die des Geschäftsführers dieses Büros und die der berüchtigten Neonazi-Website kuruc.info. Die Neonazis behaupten, das „ungarische Mädchen“ sei nicht bedient, sondern lautstark als Faschistin beschimpft und aus dem Büro geworfen worden. Doch letztlich ist das ohne Belang, denn kurze Zeit später wurde ein Molotowcocktail auf das Geschäft geworfen, das daraufhin ausbrannte. Die Nationale Befreiungsarmee Pfeile der Ungarn bekannte sich zu dieser kriminellen Tat, so wie sie sich in der Vergangenheit bereits zum Zusammenschlagen des ehemaligen sozialistischen Abgeordneten Sándor Csintalan bekannt hatte. Der Name der rechtsradikalen Organisation ist ein Hinweis auf die Pfeilkreuzler, die Ende 1944 und Anfang 1945 eine Schreckensherrschaft in Ungarn ausübten.

Auf der Internetseite ZeneSzöveg („Texte der Musik“) fand die Budapester Tageszeitung Népszabadság einige einschlägige Texte des Ensembles Hungarica. Ich übersetze davon lediglich einen, der auch auf Ungarisch nicht anders klingt als in der Übersetzung:
Demokratur

Lautstark klingt die Stimme der Antiungarn, fremde zivile Kosmopoliten,
in deren Auge die Glut des Hasses brennt, die Peitsche der Söldner schneidet in dein Fleisch.
Wenn es auf sie ankäme, dann würden sie Szózat [die patriotische Hymne, K.P.] und die Nationalhymne verbieten,
die Marionettenfiguren mit blutigen Händen veranstalten für uns einen Zirkus.
Lautstark klingt die Stimme der Antiungarn, Tag und Nacht, überall,
Hirn und Körper waschend, vergiftend eine verdorbene Zeit.
Sekt und Kaviar gebührt dem, den nie die Wunde Trianon [dort unterzeichnete der Außenminister des Horthy-Regimes 1920 den Friedensvertrag, K.P.] schmerzte, seine Nadel und sein Schwert, der Giftzahn der Demokratur.

Refrain:
Geistiger Terror belagert, der Bulldozer der Demokratur.
Er zerstört alles, bis es Staub wird, wenn du in deiner eigenen Heimat kein Wort hast.
In einem anderen Lied wird offener Revisionismus zum Ausdruck gebracht: „Die Stadt Pressburg (Bratislava, Pozsony) wird noch ungarische Könige sehen“, und man werde nie auf eine Reihe von slowakischen Städten verzichten, heißt es dort.

Ungarische Neonazis wollten anscheinend für das Konzert werben, das ebenfalls mit „Demokratur“ betitelt war und am 11. April stattfand. Vier Tage zuvor war es zu einem denkwürdigen Aufmarsch dieses Gesindels unter der Leitung des Unternehmers Tamás Polgár gekommen, der als Schnittlauch auf allen rechtsextremistische Suppen schwimmt und sich „Tomcat“ nennen lässt (siehe auch den folgenden Beitrag von János Gadó). Er droht gleichwohl jeden wegen Verleumdung zu verklagen, der ihn als Faschisten bezeichnet. Doch erst unlängst hat er eine Hetzkampagne gegen einen jüdischen Jugendlichen begonnen, der am 15. März, dem Nationalfeiertag, eine Diskussion mit einem Mädchen hatte und dem „Tomcat” unterstellt, ihre Kokarde mit den Nationalfarben heruntergerissen zu haben. „Tomcat” erklärte: „Dieser Jude muss zusammengeschlagen werden, man muss ihn erniedrigen, man muss ihn kastrieren, damit seine Rasse sich schlussendlich besinnt, dass das hier nicht ihr Land ist. Das war es nicht und wird es nicht sein. [...] Du großmäuliger, dreckiger Jude! Wir werden ganz Budapest durchkämmen, um dich zu finden! Wir werden dich finden, auch wenn du dich unter der Erde versteckst, und wir werden deine Nieren kaputt schlagen! [...] Wir werden ein langes Band in den Nationalfarben beschaffen und dich damit aufhängen.”

Am Nachmittag des 11. April, an dem das Hungarica-Konzert stattfinden sollte, demonstrierten schließlich erneut die Neonazis vor dem Kartenbüro, das noch am Vormittag vom ungarischen Präsidenten László Solyom besucht worden war. Doch auch diesmal waren die Gegner der Rechtsradikalen gekommen und sogar in größerer Anzahl vertreten, den Regierungschef Ferenc Gyurcsány sowie den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder eingeschlossen, der eine kurze Rede hielt. Die Neonazis marschierten schließlich zum Parlament; einige von ihnen demolierten am Denkmal für die sowjetischen Befreier der Stadt die Kränze.

Die konservative Partei Fidesz hat in der lokalen Behörde einen Vertreter mit israelischer und ungarischer Staatsbürgerschaft, der früher zehn Jahre lang in der israelischen Armee gedient hat. Er hat sich – und das ist hoch einzuschätzen – als Erster gegen die Zusammenrottung der Neonazis ausgesprochen. Freilich bedeutet eine Schwalbe noch keinen Sommer: Fidesz pflegt auch Querverbindungen zur rassistischen ungarischen Garde – beispielsweise, als bei deren Fahnenweihe die Fidesz-Abgeordnete Maria Wittner eine Rede hielt. Doch es gibt noch gefährlichere Erscheinungen. So attackierte unlängst Zsolt Bayer in der ehemaligen liberalen Tageszeitung Magyar Hirlap die Journalisten des linksliberalen politischen Lagers: „Es handelt sich bei ihnen um ‚Zweck-Juden’. Ihre bloße Existenz bestätigt den Antisemitismus. [...] Lassen wir sie entschieden nicht in das Bassin der Nation pinkeln oder hineinschnäuzen.“ Bayer hält Reden bei wichtigen Fidesz-Veranstaltungen und soll auch den ehemaligen Ministerpräsidenten Viktor Orbán beraten. Fidesz hat sich bislang nicht von ihm distanziert. Im Gegenteil zwei Tage nach Erscheinen dieses skandalösen Text zeigte ihn das Fernsehen bei einem Fest von Fidesz.

Besorgnis erregend ist auch die Haltung der christlichen Kirchen, deren Würdenträger die Fahnen der Ungarischen Garde geweiht haben. Am schlimmsten treibt es der calvinistische Pfarrer Lóránt Hegedüs junior, der vor einem Jahr in seiner Kirche am Deák Platz in der Mitte von Budapest David Irving empfangen hat und öffentlich fordert, Juden auszugrenzen. Vielleicht sollte man diejenigen evangelischen Akademien in Deutschland, die ständig „Kritik” am Staat Israel üben, einmal fragen, was sie diesbezüglich tun.

János Gadó

Nach dem Kampf, vor dem Kampf


Szombat, April 2008

Am 7. April verteidigten wir Újlipótváros, ein [ehemaliges, K.P.] jüdisches Zentrum in Budapest. An der Ecke der Hollán-Ernö-Straße stoppten wir die Leute mit den schwarzen Uniformen. Um die Angst und die „Es ist besser, nichts zu tun“-Mentalität zu bekämpfen, organisierten sich Budapester Juden, Liberale, Linke und einige Konservative und warteten auf die Rechtsradikalen, die „Tickets kaufen“ wollten.

Eine in ultrarechten Kreisen bekannte Frau hatte eine Diskussion mit den Angestellten einer Kartenverkaufsstelle in der Hollán-Ernö-Straße. Auf rechtsradikalen Websites behauptete sie anschließend, beleidigt worden zu sein. Man habe zu ihr gesagt: „Ungarn werden in diesem Geschäft nicht bedient!“ Eine Woche später warf jemand einen Molotowcocktail auf den Laden. Da dessen Eigentümer „selbst daraus nichts gelernt“ habe, trommelte „Tomcat“ alias Tamás Polgár (Foto), der verrufene Blogger, seine Gefolgschaft zusammen und wies sie an, in Naziuniformen zu dem Geschäft zu marschieren, um „Tickets zu kaufen“.

Sie sind voller Tatendrang. Seit 2006 dominiert die Rechte in den Straßen von Budapest. Für sie ist es daher nur folgerichtig, zu glauben, sie könnten auch in Újlipótváros zeigen, dass ihnen die Straßen gehören. Bislang begingen sie nur nachts während der nationalen Feierlichkeiten ihre „revolutionären Akte“ im Stadtzentrum. Mittlerweile halten sie die Zeit für gekommen, um dies auch am helllichten Tage und genau hier zu tun. Weil sie fantasieren, die Ungarn würden ausgeschlossen! Das heißt: Weil vergleichsweise viele Juden hier leben.

Es ist bekannt, dass die Neonazis einschüchtern wollen. Aber es gibt Menschen, die diese Gefahr erkannt haben, sie nicht tolerieren wollen und sich deshalb organisiert haben. Etliche E-Mails wurden verschickt, und jüdische Websites boten ein Forum an. Viele vernünftige Menschen erfuhren auf diese Weise, was geplant war. György Szabó, der konservative Fidesz-Repräsentant des XIII. Bezirks im Stadtrat, informierte die Behörden und die Stadt davon, dass man demonstrieren werde, und er war selbst vor Ort, um in Kontakt mit den Behörden und anderen Menschen zu bleiben. Auch Politiker anderer Parteien kamen, um ihren Bezirk zu verteidigen.

Die versammelten 30 Skinheads wurden von 400 Gegendemonstranten empfangen. Die Neonazis, die auf die Kartenverkaufsstelle zumarschierten, wurden von der Polizei gestoppt, ihre Ausweise wurden kontrolliert, und sie wurden aufgefordert, den Ort wieder zu verlassen. „Nazis go home!“, riefen die Demonstranten, und die Skinheads antworteten: „Wir sind hier zu Hause!“ Die Demonstrationsteilnehmer waren froh, die Polizei in ihrer Nähe zu haben.

„Tomcat“ erklärte, er könne hier keine Tickets kaufen, weil er Ungar sei, und das verletze seine demokratischen Rechte. Nach einer zehnminütigen, lautstarken Diskussion verzogen sich die Neonazis, und die Demonstranten applaudierten. „Tomcat“ kehrte mit einigen seiner Getreuen jedoch wieder zurück und knipste Fotos aus der fünften Etage eines Gebäudes. Als die Skinheads wiederkamen, wurden sie von der Polizei zurückgedrängt. Sie fühlten sich dadurch beleidigt, dass die Polizei die Menschen mit den Rasta-Haaren verteidigt.

Bleiben wir für einen Moment bei dem T-Shirt mit dem Foto von Hitler (Bild rechts). Was kann man wohl von einem Zeitgenossen (und seinen Freunden) erwarten, der Újlipótváros mit solch einem Kleidungsstück betritt?

Die ungarischen Medien hatten sich zur Kartenverkaufsstelle begeben, um sich die beiden verschiedenen Versionen des Vorfalls anzuhören. Sie glaubten, so die Wahrheit herauszufinden. Wahrscheinlich war alles nur ein Missverständnis. Wahrscheinlich kann man den Konflikt lösen. Wahrscheinlich ist das Verhältnis zwischen Juden und Neonazis aufgrund eines Missverständnisses so angespannt. „Ist es nicht möglich, dass Sie zu ihm gehen und mit ihm sprechen?“, fragte der Reporter der [liberalen, K.P.] Wochenzeitung HVG den Journalisten Péter Rózsa, einen der Organisatoren der Demonstration, und deutete dabei auf „Tomcat“. Rózsa weigerte sich, mit den Neonazis zu sprechen. Daher fragte HVG „Tomcat“, wie das Land aussähe, wenn er Regierungschef in Ungarn wäre:

„Tomcat“: „Es wäre voller Ruinen, voller jüdischer Leichen und Babys, die gegen die Mauern geworfen wurden. Die schwarz gekleideten Todesbrigaden würden Andersdenkende mit Speeren durchbohren.“ – HVG: „Das war ironisch; ich habe aber ernsthaft gefragt.“ – „Tomcat“: „Nein, das ist keine Ironie, das ist genau das, was ich tun will und was ich ersehne.“

Zu den Fotos (von oben nach unten): (1) Antifaschistische Demonstration am 11. April 2008 in Budapest; auf dem Transparent steht: „Wir brauchen keine Nazis!“ (2) Das Plakat, mit dem für das Konzert der rechtsradikalen Band Hungarica geworben wurde. (3) „Tomcat“ alias Tamás Polgár, eine führende Figur in der ungarischen Neonaziszene. (4) Ein ungarischer Neonazi mit einem Hitler-T-Shirt, der an der rechtsradikalen Demonstration am 7. April in Budapest teilnahm.

14.4.08

Zu Gast bei Freunden

Lizas Welt freut sich über die große Ehre, für den vorzüglichen Blog Spirit of Entebbe einen Gastbeitrag verfasst haben zu dürfen:

Henrys Halluzinationen
Wenn man die Beiträge überregionaler deutscher Printmedien zum Thema Israel halbwegs regelmäßig studiert, kommt man um eine Erkenntnis nicht herum: Sowie es darum geht, die eigenen Korrespondenten samt ihrer Berichte durch so genannte Experten politisch und moralisch zu salvieren, sind es die immer gleichen Kronzeugen, die von FAZ bis taz und vom Spiegel bis zur Frankfurter Rundschau zum Interview oder an die Tastatur gebeten werden. Mal ist es Uri Avnery und mal Felicia Langer, mal Alfred Grosser und mal Moshe Zuckermann, mal Evelyn Hecht-Galinski und mal Rolf Verleger. Diese Damen und Herren haben dabei zwar stets nur die gewohnten frenetischen Anklagen gegen den jüdischen Staat zu bieten, aber die Stammkundschaft schätzt an ihrer Lieblingszeitung ja vor allem die Verlässlichkeit, mit der vertraute Positionen immer wieder aufs Neue heruntergebetet werden – schließlich ist die Wiederholung die Mutter aller Weisheit. Gelegentlich ist dieses Ritual aber sogar den Chefredakteuren zu fad, und immer dann ist es Zeit für eine so genannte Außenansicht, also für einen ins Deutsche übersetzten Artikel eines vermeintlichen Experten, den die Leser zwar noch nicht kennen, der aber qua Funktion und Herkunft für reichlich Authentizität bürgen soll. [...]
WEITERLESEN bei Spirit of Entebbe

Utopist aus Leidenschaft

Es ist an der Zeit, eine Lanze für Oliver Kahn zu brechen. Es ist an der Zeit, ihm den roten Teppich auszurollen. Es ist an der Zeit, ihm ein Denkmal zu bauen. Nichts weniger. Und das nicht einmal in erster Linie wegen seiner (ohnehin unbestrittenen) fußballerischen Leistungen und Erfolge, nicht wegen seiner zahllosen Glanzparaden und Rettungstaten als Torwart. Sondern einfach, weil er auf dem Platz genau das verkörpert, was sich jeder aufrichtige Fußballfan wünscht: bedingungslose Leidenschaft. Auch in dieser Hinsicht kann ihm kaum jemand das Wasser reichen – und das ist mitnichten eine Frage von Sympathiewerten. Oliver Kahn darf man wohl – neben Bayern-Manager Uli Hoeneß – als größten Anhänger seines Klubs bezeichnen. Er ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit und Langeweile, Eintönigkeit und Dienst nach Vorschrift. Seine Mimik und Gestik während des Spiels und danach – von der Freude über den Frust bis zur Fassungslosigkeit – sind ein getreues Spiegelbild der vielfältigen Gemütsverfassungen, die man als Fan ebenfalls durchlebt. Und sie sind es wie bei kaum einem anderen. Nebenbei widerlegt Kahn außerdem das landläufig gepflegte Vorurteil, nach dem es beim deutschen Rekordmeister FC Bayern München aufgrund der Gewöhnung an den Erfolg mehr oder weniger emotionslos zugehe. Das Gegenteil ist der Fall.

Nichts verdeutlicht das besser als das UEFA-Cup-Spiel der Bayern am vergangenen Donnerstag in Getafe. Dass sich Kahn beim mutmaßlich letzten Angriff der Münchner zum gegnerischen Tor aufmachte, war zunächst nur ein Akt der Verzweiflung: das allerletzte Mittel, der allerletzte Versuch, um das fraglos blamable Ausscheiden in einem Madrider Vorort – und damit das vorzeitige Ende der eigenen Laufbahn auf internationaler Ebene – doch noch zu verhindern. Dass der fußballerisch stark limitierte Keeper in der Offensive ernsthaft noch etwas ausrichten können würde, glaubte er dabei zweifellos selbst nicht. Aber die Symbolwirkung, die von seinem entschlossenen Ausflug ausging, war umso mächtiger: Mochten sich seine Mannschaftskollegen bis dato auch durch eine spielerisch unterirdische Leistung ausgezeichnet haben und das Weiterkommen selbst nicht mehr für realistisch halten – solange der Schiedsrichter nicht abpfeift, geht für Oliver Kahn immer noch etwas, wie unwahrscheinlich das auch sein mag. Jeder Fußballfan hofft und bangt, dass sein Team selbst ein vollkommen aussichtslos scheinendes Spiel doch noch dreht, notfalls durch ein unverdientes Glückstor in buchstäblich letzter Sekunde. Und Kahn ist geradezu der Prototyp des Fleisch gewordenen Glaubens an das Unmögliche.

Das Finale des Spiels in Getafe erinnerte dabei nicht zufällig stark an jenes, das sich am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 2000/01 zugetragen hatte. Damals kassierten die Bayern beim Hamburger SV in der 90. Minute das 0:1, und wäre es dabei geblieben, hätte bekanntlich Schalke 04 die Meisterschale in die Vitrine stellen dürfen – die Feiern in Gelsenkirchen waren bereits im Gange. Die Bayern-Spieler ließen nach dem späten Gegentor die Köpfe hängen, und auf der Bayern-Bank herrschte lähmendes Entsetzen: Erneut drohte der Klub – wie schon zwei Jahre zuvor im Champions League-Endspiel gegen Manchester United – im allerletzten Moment einen bereits sicher geglaubten Titel noch zu verspielen. Doch Oliver Kahn gebar just in dieser Situation sein inzwischen berühmt gewordenes „Weiter, immer weiter“ und zwang seine Mitspieler förmlich dazu, das eigentlich Utopische mit aller schwindenden Kraft zu versuchen. Als Referee Markus Merk dann in der Nachspielzeit auf indirekten Freistoß für die Bayern im Strafraum des HSV entschied, sprintete der Torhüter zum Ort des Geschehens und verunsicherte die Hamburger Spieler bereits durch seine bloße physische Präsenz dermaßen, dass Patrik Andersson den Freistoß schließlich versenkte und die Münchner doch noch den Meistertitel gewannen.

Auch in Getafe tauchte Kahn kurz vor dem drohenden Schlusspfiff am gegnerischen Strafraum auf, und erneut irritierte alleine dies die Spieler der Gastgeber entscheidend: Die folgende Flanke köpfte der neben Kahn stehende Spanier fahrig zu Bayerns Sosa, der den Ball schließlich maßgerecht auf den Kopf von Luca Toni beförderte. Kahns völlig enthemmter emotionaler Ausbruch nach diesem geradezu erzwungenen Treffer zum 3:3 und dem Einzug ins Halbfinale – mit entrücktem Gesichtsausdruck, weit ausgebreiteten Armen und einem zunächst ziellosen Lauf über das Feld – wies übrigens weitere Ähnlichkeiten zu dem Spiel in Hamburg vor sieben Jahren auf, obwohl diesmal nicht eine Eckfahne die geballten Emotionen des Keepers zu spüren bekam, sondern Mitspieler Mark van Bommel. Mag die Bedeutung eines Viertelfinalspiels im UEFA-Pokal auch nicht das Gewicht einer Deutschen Meisterschaft erreichen – die Partie in Getafe und vor allem jene letzte Minute der Verlängerung taugen bereits jetzt zur Legende, deren Sinnbild weniger der Torschütze Luca Toni ist als vor allem Oliver Kahn, der so außer Rand und Band geriet wie sonst nur noch die Bayern-Fans. Wen das kalt lässt, der hat einfach kein Fußballerherz.

Man muss den 38-jährigen Torwart gewiss nicht sympathisch finden; schließlich haben vor allem dessen Interviews bisweilen die Grenzen des Erträglichen überschritten. Aber entscheidender als das ist allemal, dass Kahn nie beliebig oder austauschbar ist, sondern eine kantige und polarisierende Individualität ausstrahlt, die mit einem im Profifußball nur noch selten gesehenen und manchmal eben ungezügelten Temperament einher geht. Genau das ist oft als übersteigerter Ehrgeiz eines egozentrischen und rücksichtlosen Einzelgängers betrachtet worden, und daran ist Kahn ganz sicher nicht unschuldig. Er mag immer wieder mal ein Kotzbrocken sein, einerseits. Aber welcher Fußballfan hätte, andererseits, nicht gerne Spieler in den Reihen seiner Lieblingsmannschaft, die auch in scheinbar hoffnungslosen Situationen nicht aufgeben – und sei es um des persönlichen Erfolgs willen, der dann jedoch zu einem des ganzen Teams wird? Nur wenige Spiele bleiben Oliver Kahn noch bis zum Ende seiner Karriere. Eines ist aber jetzt schon sicher: Er wird fehlen – Freunden wie Feinden.

8.4.08

Calamity-Rey gibt Stoff

Österreich und die Schweiz richten im kommenden Sommer gemeinsam die Europameisterschaft im Fußball aus – aber nicht nur in dieser Disziplin marschieren die beiden Länder Seit’ an Seit’, sondern auch in Bezug auf die Kooperation mit dem iranischen Regime: Was dem einen der OMV-Deal ist, ist dem anderen nun der Vertrag der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg mit den Mullahs über die jährliche Lieferung von 5,5 Milliarden Kubikmetern Erdgas ab 2011. Die Teheraner Theokratie hat dabei mit der Übereinkunft nicht nur einen wirtschaftlichen Coup gelandet: „Die Außenhandelsbeziehungen sind stets auch ein Instrument, um im politischen Streit um das Nu­klearprogramm und gegen die US-amerikanischen und israelischen Isolierungsbemühungen propagandistische Erfolge zu erzielen“, konstatierte Stephan Grigat in der Jungle World. Zu der medienwirksamen Inszenierung des Abschlusses trug die Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey maßgeblich bei, denn sie reiste eigens zur Ratifizierung des Kontrakts in die iranische Hauptstadt – und ließ sich dort im Kopftuch und mit einem strahlenden Lächeln gemeinsam mit Mahmud Ahmadinedjad ablichten (Foto oben). „Sie ist für diese Rolle durchaus prädestiniert“, befand Grigat, „hatte sie doch im Jahr 2006 der iranischen Regierung vorgeschlagen, in der Schweiz ein gemeinsames Seminar zur ‚unterschiedlichen Perzeption des Holocausts’ zu or­ganisieren, womit sie dem Regime in Teheran Interpretationsspielraum signalisiert und die Leugner und Relativierer der Shoah legitimiert hat“.

An dem Deal und Calmy-Reys Auftritt in Teheran hagelte es anschließend jedoch Kritik. Die US-Regierung etwa will Einblick in den Gasvertrag nehmen, um zu prüfen, ob er gegen die Sanktionsbestimmungen der Uno verstößt. Israel legte Mitte März offiziell Protest ein. Der Schweizerische Israeli­tische Gemeindebund verurteilte die Außenministerin scharf, und sogar Calmy-Reys Genossen bei der Sozialdemokratischen Partei (SP) geißelten die Vereinbarung sowie die Reise der Ministerin in den Iran. Auch exiliranische Organisationen sind entsetzt. In einem offenen Brief an Calmy-Rey beispielsweise schrieb Zahra Erfani von der Progressive Women Organization (PWO), ebenfalls SP-Mitglied: „Sie schließen einen Kontrakt mit einem fanatischen, frauenfeindlichen und terroristischen Regime, und dabei sabotieren Sie den schmerzhaften Kampf iranischer Frauen für ihre Mindestrechte. Sie haben dadurch, dass Sie als Zeichen des Appeasements das Kopftuch trugen, teures Lehrgeld an das despotische, faschistische, reaktionäre, mittelalterliche, korrupte und kriminelle Mullah-Regime gezahlt.“ Dieses Regime, „das Dissidenten steinigt, deren Hände und Füße amputiert und seine Gegner öffentlich erhängt“, verdiene keinerlei Legitimation. Lizas Welt hat Erfanis Schreiben aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.


Zahra Erfani

Offener Brief an Micheline Calmy-Rey


Ihre Exzellenz,
liebe Frau Calmy-Rey!

Ich bin eine iranische Frau im Schweizer Exil, und es ist mir eine Ehre, Mitglied der SP zu sein. Auf Ihre sozialen Fähigkeiten war ich einmal sehr stolz.

Seit etwa 22 Jahren kann ich den Iran nicht mehr besuchen. Ich musste mein Land verlassen, so wie Millionen meiner Landsleute. Mir wurde das grundlegende Recht genommen, meine Kleidung selbst zu wählen; stattdessen hatte ich einer staatlichen Kleiderordnung zu gehorchen. Mit totalitären Gesetzen werden iranischen Frauen zudem viele weitere Rechte geraubt, beispielsweise die Reisefreiheit, die freie Wahl des Arbeitsplatzes, die Möglichkeit der Ehescheidung, das Sorgerecht für Kinder, das Recht zu tanzen, Opern zu singen, jeden Sport auszuüben, an den Olympischen Spielen teilzunehmen und frei im Meer zu schwimmen. Die Konsequenz daraus ist eine Geschlechterapartheid, in der die iranischen Frauen als Menschen nur halb so viel wert sind wie die Männer. Ein Jahrhundert lang haben Frauen dafür gekämpft, ihre Kleidung frei wählen zu können, aber sie haben in den letzten 30 Jahren alles verloren, durch fortgesetzte Inhaftierung, Folter und Mord.

Liebe Micheline Calmy-Rey, ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass es – anders, als Sie am 3. April bei der Eröffnung des Gleichstellungskongresses im Zürcher Volkshaus behauptet haben – nicht nur ein dünnes Stück Stoff war, das Sie da auf Ihrem Kopf trugen, sondern vielmehr ein Affront gegen alle Versuche und Bemühungen von Frauen im Iran und anderen Ländern in der Region, die freie Wahl ihrer Kleidung durchzusetzen und aufrecht zu erhalten.

Womit Sie Ihr Haar bedeckt haben, ist das Symbol für die Demütigung der iranischen Frauen sowie für die Verletzung ihrer Rechte durch die Männer und das patriarchalische Regime im Iran. Im Patriarchat werden Frauen systematisch von Männern dominiert. Das religiöse Patriarchat schließt Frauen überdies systematisch von einer Funktion innerhalb der religiösen Autorität aus; dem liegt die Annahme zugrunde, dass Gott männlich ist. Das ist das Symbol des frauenfeindlichen, barbarischen Regimes der terroristischen Mullahs im Iran, die sich nicht um die universelle Erklärung der Menschenrechte kümmern. Und es klafft eine große Lücke zwischen dem Mullah-Regime und der säkularen Regierung der Schweiz. Konsequenterweise sind die Mullahs strikt gegen freie, demokratische und fortschrittliche Regierungen, die für die Menschenrechte, eine zivilisierte Gesellschaft und die Rechtsstaatlichkeit eintreten.

Liebe Micheline Calmy-Rey, die Mullahs kennen viele verschiedene Tricks, um einer Isolation zu entgehen, und sie sind sehr glücklich über die wirtschaftliche Vereinbarung mit Ihnen, die sie ohne negative Konsequenzen seitens Ihrer Regierung und anderer unterzeichnen konnten. Das Regime ist sehr glücklich, wenn es den Iranern den Wohlstand rauben kann, während der Bevölkerung – der eigentlichen Besitzerin dieser Ressourcen – die Früchte dieses Vertrags vorenthalten werden.

Liebe Micheline Calmy-Rey, Ihre Tat ist leider ziemlich erschütternd und bricht die Herzen vieler Iraner. Sie schließen einen Kontrakt mit einem fanatischen, frauenfeindlichen und terroristischen Regime, und dabei sabotieren Sie den schmerzhaften Kampf iranischer Frauen für ihre Mindestrechte. Sie haben dadurch, dass Sie als Zeichen des Appeasements das Kopftuch trugen, teures Lehrgeld an das despotische, faschistische, reaktionäre, mittelalterliche, korrupte und kriminelle Mullah-Regime gezahlt. Dieses Regime, das Dissidenten steinigt, deren Hände und Füße amputiert und seine Gegner öffentlich erhängt, verdient keine Legitimation. Die große Mehrheit der Iraner hat die jüngsten iranischen Parlamentswahlen boykottiert.

Als Anwältin für Frauenrechte habe ich tiefen Respekt vor Ihnen, und ich hätte nicht gedacht, dass Sie einen Dialog mit einem früheren Henker wie Ahmadinedjad führen würden. Diejenigen, die für Demokratie und Freiheit kämpfen, erwarten von den europäischen Politikern einen Boykott der so genannten Islamischen Republik Iran, um das Leiden der iranischen Bevölkerung zu mindern – einer Bevölkerung, die das derzeitige inhumane, verbrecherische Regime durch eine demokratische Regierung ersetzen will.

Ich hoffe auf Ihre Solidarität mit der iranischen Bevölkerung, insbesondere mit den Frauen, die seit nunmehr fast 30 Jahren von den im Iran regierenden Kriminellen als Geiseln genommen werden. Das iranische Regime sollte wegen Verbrechen gegen die Menschheit vor Gericht gebracht werden.

Hochachtungsvoll

Dr. Zahra Erfani
Zürich, Schweiz

Hattip: Urs Schmidlin

4.4.08

Im Osten nichts Neues

Am vergangenen Wochenende kam es bei einem unterklassigen Fußballspiel in Deutschland einmal mehr zu antisemitischen Ausschreitungen: Während einer Oberligapartie des Halleschen FC grölten Anhänger dieses Vereins diverse Male in beleidigender Absicht „Juden Jena“ in Richtung der Gästespieler. Der Schiedsrichter zog es jedoch vor, diese Vorfälle nicht im offiziellen Spielbericht zu erwähnen, die Verantwortlichen des HFC behaupten, nichts gehört zu haben, und im Forum eines Fanklubs wurden kritische Beiträge gelöscht. Insbesondere im Osten der Republik sind solche Geschehnisse an der Tagesordnung. Einschneidende Konsequenzen gibt es jedoch praktisch nicht.

Es war nicht das erste Mal, dass die HFC-Fans bei einem Spiel ihrer Mannschaft gegen den FC Carl Zeiss auffällig wurden: Bereits vor vier Jahren war es bei dieser Begegnung – damals in Jena – zu Krawallen und antisemitischen Hassgesängen gekommen. Nun wiederholte sich die Szenerie: „Schiedsrichter André Stolzenburg pfeift einen Eckball für die Gäste. Als der Jenaer Spieler sich der Hallenser Kurve nähert, ertönen die Rufe zum ersten Mal, erinnert sich ein Augenzeuge: ‚Juden Jena!’“, berichtete Christoph Ruf auf Spiegel Online. „Der Zeuge, der das Spiel in der HFC-Kurve verfolgte, erinnert sich, dass ‚der Linienrichter zu diesem Zeitpunkt genau vor der Kurve stand. Er kann das nicht überhört haben’“, heißt es in dem Beitrag weiter. „Doch im Spielberichtsbogen sind die antisemitischen Rufe, die danach noch mehrfach zu hören waren, nicht vermerkt. ‚Mehrmals während des Spiels wurde ‚Juden Jena’ in unsere Richtung gebrüllt’, sagt auch Lutz Hofmann vom Jenaer Fanprojekt, der sich in etwa 100 Meter Luftlinie Entfernung in der Gästekurve aufhielt.“

Auf Spiegel Online sind aber nicht nur Stellungnahmen von Besuchern des Spiels zu lesen, sondern dort findet sich außerdem eine Audio-Datei, die das Gebrüll dokumentiert. Die Parolen sind so eindeutig zu vernehmen, „dass der Stadionsprecher sie eigentlich unmöglich überhört haben kann“, konstatierte Ruf. „Dennoch wurden die Schreihälse aus der Hallenser Kurve zu keinem Zeitpunkt aufgefordert, die Schmähgesänge einzustellen.“ Auch im Internetforum des HFC-Fanklubs Web-Hallunken seien die Grölereien diskutiert worden. Inzwischen ist der entsprechende Thread jedoch nicht mehr aufzurufen. Zur Begründung heißt es dort, „die Medien“ hätten – unter Berufung auf das Forum – „teilweise falsche Angaben sowie nicht korrekt wiedergegebene Zitate von HFC-Vertretern“ verwendet, weshalb man sich gezwungen sehe, die Zusammenarbeit mit der Presse einzustellen und die Beiträge auf der Internetseite zu löschen. Offenbar empfindet man die Zeugenaussagen als Nestbeschmutzung, die man weit stärker gewichtet als den Antisemitismus der eigenen Klientel.

Die Verantwortlichen des Halleschen FC wollen die Tiraden nicht gehört haben; der Präsident des Klubs kündigte jedoch immerhin an, bei entsprechenden Beweisen „mit dem kompletten Programm rechtsstaatlicher Maßnahmen“ gegen diejenigen vorgehen zu wollen, die sie angestimmt haben. Beim Nordostdeutschen Fußball-Verband (NOFV) ist außerdem eine Anzeige eingegangen. NOFV-Geschäftsführer Holger Fuchs versicherte, den Vorfällen nachzugehen und gegebenenfalls drakonische Strafen zu verhängen. Bereits im Oktober 2006 war der HFC zu einer Geldstrafe und einem Spiel vor leeren Rängen verurteilt worden, nachdem Zuschauer einen Spieler des FC Sachsen Leipzig mit Affenlauten rassistisch gedemütigt hatten.

Ereignisse wie die in Halle sind im Amateurfußball keine Ausnahme. Immer wieder kommt es vor allem in Ostdeutschland zu rassistischen und antisemitischen Manifestationen. Erinnert sei in diesem Zusammenhang beispielsweise an ein Jugendspiel in Wurzen, das am so genannten „Vatertag“ im Mai letzten Jahres in eine Nazi-Demonstration verwandelt wurde. Damals riefen Jugendliche Sprüche wie „Du Judenschwein“, „Fick deine Mutter, du Judensau“ und „Wir ziehen dir die Vorhaut runter, du Jude“ in Richtung der Spieler des Gastvereins aus Chemnitz und des Schiedsrichter-Gespanns. Die Wurzener Vereinsverantwortlichen leugneten seinerzeit die Vorfälle, bis sie schließlich nicht mehr abzustreiten waren. Auch und vor allem der Berliner Klub TuS Makkabi ist regelmäßig mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert. Im Oktober 2006 wurde deshalb sogar ein Spiel seiner zweiten Mannschaft abgebrochen. Und seit dem vergangenen Samstag wird gegen zwei Personen ermittelt, die bei einem Spiel von Makkabis Erster den so genannten Hitlergruß entboten respektive neonazistische Beleidigungen von sich gegeben haben sollen. Der Vorsitzende des Vereins, Tuvia Schlesinger, sagte, derartige Ereignisse wiederholten sich ständig: „Mittlerweile haben wir alle zwei, drei Wochen so eine Geschichte.“

Doch berichtet wird darüber nur gelegentlich, und noch seltener gibt es Konsequenzen, einschneidende schon gar nicht. Während der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in den Profiligen medienwirksame Aktionen wie „Zeig dem Rassismus die rote Karte“ initiiert oder unterstützt und dort ausländerfeindliche und antisemitische Tiraden inzwischen rückläufig sind, gilt für Spiele in den unteren Klassen das Gegenteil. Insbesondere bei den Verantwortlichen von Ostklubs lautet das Motto: „Erst leugnen, und wenn das nicht mehr geht, auf Teufel komm raus bagatellisieren“, wie Raicko Eichkamp bereits im November 2006 in der Jungle World resümierte. Bei nicht wenigen Amateurvereinen besteht die Anhängerschar dabei zu erheblichen Teilen aus exakt jenen Zuschauern, die für die Hasstiraden verantwortlich sind. Und auf deren Obolus will man nicht verzichten. Dabei nimmt man in Kauf, dass andere Fans aus genau diesem Grund den Stadien fern bleiben.

Im Internetforum der Web-Hallunken wird es derweil überwiegend begrüßt, dass der Widerspruch gegen die antisemitischen Ausschreitungen beim Spiel gegen Jena unterbunden wurde. „ich find es richtig, die threads zu löschen. denn politische äußerungen sind nunmal nicht sinn und zweck dieses forums und daher gehören diese postings gelöscht“, befand beispielsweise der User „Ranu“. „arma“ urteilte: „100 % Richtig!“, „ammendorfer“ beschied einem, der anderer Ansicht war, schlicht: „geh in den Zoo zurück!“, und „Der Akener“ mahnte eine Prioritätensetzung an: „wir sollten uns jetzt auf sonntag konzentrieren und ein rot weißes meer aufbieten.“ Dass „Jude“ als Schimpfwort verwendet wurde, beschäftigt augenscheinlich keinen der Teilnehmer. Denn das ist längst Normalität.

Zum Foto: Anhänger von Energie Cottbus zeigen im Dezember 2005 ein Transparent, mit dem Dynamo Dresden in beleidigender Absicht als „Judenklub“ bezeichnet wird. Der Buchstabe „D“ stellt dabei das Dynamo-Vereinswappen dar.

Hattips: David Goldner, Mona Rieboldt, Olaf Kistenmacher

2.4.08

Watzals Groupies

Es muss ein regelrechter Traumjob sein, bei der Bundeszentrale für politische Bildung als Redakteur arbeiten zu dürfen: Man sitzt ein bisschen im Büro herum, schreibt gelegentlich ein Artikelchen und hat ansonsten jede Menge Freizeit. Zumindest bei Ludwig Watzal scheint das so zu sein. Denn der darf sein publizistisches und sonstiges Schaffen zum Thema Israel respektive Nahost seit drei Jahren ja nur noch nach Feierabend betreiben. Und angesichts der bemerkenswerten Fülle seiner diesbezüglichen Aktivitäten bleibt nur der Schluss, dass der Mann den Griffel jeden Tag ziemlich früh fallen lässt, um seiner eigentlichen Passion nachzugehen. Die wird in diesem Land zwar von den meisten geteilt, aber eben nicht von allen. Und weil einige wenige Watzals obsessive „Israelkritik“ das nennen, was sie ist – lupenreiner Antisemitismus nämlich –, seine guten Beziehungen zu Judenhassern aller Fraktionen kritisieren und die allemal nachvollziehbare Frage stellen, ob sich das wohl für einen Mitarbeiter einer öffentlichen Behörde geziemt, fühlt sich der Politikwissenschaftler verfolgt, ja, als Opfer einer veritablen Verschwörung. Zwar findet die Aufklärung über sein Tun und Treiben in aller Offenheit statt und hat so gar nichts Geheimes, Verruchtes oder Hinterhältiges. Aber was ein echter Paranoiker ist, der wittert nun mal allenthalben konspirative Absprachen, das Wirken einer – horribile dictu – (all)mächtigen Lobby also, die ihn mit niederträchtigsten Mitteln kalt lächelnd zu Fall zu bringen gedenkt.

Dabei steht Watzal jedoch nicht allein auf weiter Flur, denn er hat treue Groupies, und die steigen regelmäßig zu seiner Verteidigung in die Bütt – nicht nur auf vergleichsweise unbedeutenden Internetseiten übrigens, sondern auch in Tageszeitungen mit immerhin bundesweiter Verbreitung. Georg Baltissen beispielsweise ging in der taz kürzlich engagiert in die Vollen: „Ludwig Watzal, Redakteur bei der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) und rühriger Kritiker israelischer Besatzungspolitik, sieht sich erneut mit konzertierten Attacken konfrontiert, die ihn des Antisemitismus anklagen und ihn aus seinem Job entfernen wollen“, drückte er in seinem mit „Jagt den Watzal“ überschriebenen Beitrag schwer auf die Tränendrüse. Ein Schuft, wer da kein Mitleid mit dem armen, mutigen Mann empfindet, den herzlose Finsterlinge auf Hartz IV setzen wollen! Wer sind bloß diese gewissenlosen Gestalten, wo kommen sie her, und was tun sie? Na klar, dieses: „Einschlägige proisraelische Websites und ein Artikel in der Jerusalem Post werfen Watzal vor, auf der proamerikanischen Website Lebanonwire eine Buchbesprechung veröffentlicht zu haben, in der er seine Funktion als Redakteur der BpB erwähnt.“

„Einschlägig“ meint so viel wie „notorisch“, und wenn sich dann noch das Adjektiv „proisraelisch“ hinzugesellt, wissen die taz-Leser bereits: Die omnipräsente jüdische Lobby steckt hinter der Angelegenheit. Ihr Verbrechen besteht darin, die Angaben zur Person zitiert und verbreitet zu haben, die sich unter einem stramm antiisraelischen Text von Watzal auf der Website lebanonwire.com finden. Dort steht, ins Deutsche übersetzt: „Ludwig Watzal ist ein Mitarbeiter der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung, der auch Beiträge für die militante linke Internetseite antiimperialista.org verfasst. Zudem ist er einer der vier Redakteure von Aus Politik und Zeitgeschichte.“ An dieser biografischen Notiz stimmt zwar jedes einzelne Wort, aber Watzal ist sie trotzdem peinlich. Schließlich hatte ihn sein Arbeitgeber ja eindringlich darum gebeten, verleugnet zu werden. Zumindest nach dem Ende der täglichen Schicht.

Also setzte Watzal alle Hebel in Bewegung, um die drohenden Unannehmlichkeiten abzuwenden: Er verlangte von den Betreibern von Lebanonwire händeringend die Entfernung des Artikels, der ohne seine Genehmigung von der Website Counterpunch übernommen und veröffentlicht worden sei, und zeterte vernehmlich darüber, Opfer einer „Diffamierungskampagne“ von „antideutschen und neokonservativen Extremisten“ zu sein, die sich „auf Manipulationen und falsche Behauptungen sowie Tricks“ stütze. Schließlich sei unter dem ursprünglich bei Counterpunch erschienenen Artikel lediglich ganz allgemein vermerkt gewesen: „Dr. Ludwig Watzal arbeitet als Redakteur und Journalist in Bonn, Deutschland. Er hat mehrere Bücher zu Israel und Palästina geschrieben.“ Dass Lebanonwire nun nicht nur einfach den Text nachgedruckt, sondern außerdem noch einige weitere – gänzlich unstrittige – Funktionen und Tätigkeiten Watzals hinzugefügt hatte, konnte also nur das Werk Übelwollender gewesen sein. Das heißt: Wer das wahrlich umfängliche publizistische Schaffen des Politologen gebührend würdigt und sich dabei unleugbarer biografischer Angaben bedient, der diffamiert, manipuliert und lügt. Eine bizarre Logik.

Doch der taz-Mann Georg Baltissen scherte sich nicht um solche Absurditäten und fuhr stattdessen fort: „Auch wenn die Jerusalem Post in ihrem Artikel Anfang März etwas vorschnell einen ‚Aufschrei in Deutschland